Schwanger sein: 40. Woche (7)

*seufz*

immernoch Samstag (39+5):

Gestern Abend gegen 21:30: ordentlich Regelschmerzen-artiges Ziehen im Unterleib. 10-Minuten-Abstände etwa. Versuche, mir nichts darauf einzubilden. Natürlich aber doch wieder Hoffnung. „Oh, ich will-will-will es nicht denken, aber… vielleicht… es könnte doch… vielleicht heute Nacht… und dann morgen… Oh bitte, ihr Kontraktionen… Nun werdet endlich stärker…“ Das Ziehen ist ziemlich stark. Kein Appetit jetzt. Glaube nicht, dass ich das Essen von K. runterkriege. Bin aufgeregt. Versuche, zu unterdrücken. NeinNeinNein! Das heißt nichts. Ich will mich nicht heißt machen. Nicht schon wieder.

Etwa eine Stunde später: Das Ziehen wird deutlich weniger. Dann fast nichts mehr. Was soll ich dazu jetzt noch sagen? Ich finde es einfach nicht gerecht. Echt jetzt. Gegen 23:50 beleidigt ins Bett. Kein Avena Sativa heute. Einschlafen dauert.

Sonntag (39+6):

Nach der frühmorgendlichen Pinkelpause gegen 4 Uhr zum Glück wieder eingepennt. Jetzt 8:30 rum. Aufwachen, pinkeln müssen, harter Bauch, das große Seufzen. Wieder nichts… Immernoch schwanger. P. kommt schlaftrunken ins Bad, auch Pinkeln. Erschreckt sich, dass ich schon da bin. „Meine liebe, liebe Mami“ – hach. Erstmal Kuscheln. Und nochmal alle zusammen ins Bett. Das besänftigt das Muttertier.

Woar… Mein Kreislauf. Das hatte ich schon vor zwei Wochen Mal im Krankenhaus. Niedriger Blutdruck war das da… Ist es das jetzt auch? Schwindel, zittrig, Schweißausbrüche, Hitzewallungen. Was ist das? Trinke ein Glas Wasser auf Ex, ein Glas Saft, Kakao und Kaffee. Keine Verbesserung. Reiße die Fenster auf, lasse kaltes Wasser über die Unterarme laufen. Mir wird schlecht. Das soll weggehen. P. beschäftigt sich damit, ihre Kinderpflaster auf eine gemalte Figur zu kleben. K. wird mit ihr später zu einem Familienfest gehen. Fühle mich total zerstört. Warum?

Seminareinschreibung. Ich habe keine Ahnung, wie ich in drei Wochen in der Uni sitzen soll… Wenn ich das nicht tue, bekomme ich aber kein Bafög. Und das können wir uns nicht leisten. Dilemma.

K. und P. sind weg. Studienleistung schreiben. Hypothesen und Theorien… Theoriebildung… Falsifikation… Hypothesenprüfung… Erstmal wieder reinkommen. Pffft… Kopf schwirrt, Bauch wird hart. Gedanken schweifen… Hypothesen sind… Verdammt, T., warum kommst du nicht da raus? Du bist bestimmt schon voll der Klops… Warum machst du es dir so gemütlich da drin?… SummSumm… What’s App ist ’ne scheiß ablenkende Erfindung… „Nee, nichts Neues.“… Also… Theorien im Rahmen quantitativer Forschung stellen in der Regel… „ssw 40 baby groß keine wehen“… Verdammt, das hast du schon 1000 Mal gegoogelt… Jede Schwangeschaft ist anders… Natürlicher Prozess und so… SummSumm… „Nee, ich kann gerade schlecht planen, Sorry.“… Aua, Bauch hart… Wo war ich? Die induktive Schließlogik ist die übliche Vorgehensweise bei qualitativen Forschungsprojekten und dient zumeist… Ob T. am Ende vielleicht doch eine Punktlandung hinlegt? Na das wär’s ja…

 

Alles andere wäre Wiederholung von bereits vielfach Beklagtem. Ich habe wieder zu viel sinnlos gegoogelt, eine halbe Stunde lang mit Pausen meine BW massiert und vor mich hingestunken. Fühle mich extrem ausgelaugt heute. Gegen Mittag auch nochmal so ein Kreislaufabfall… Sehr unangenehm.

Morgen ist der errechnete Termin, auf den ich mir die ganze Schwangerschaft über nichts einbilden wollte und auch nichts eingebildet habe. Weil ich mir viel zu sicher war, dass T. früher kommen wird. Ich habe keine Erfahrung mit dem hier und hätte echt drauf verzichten können. Ich hasse diesen Zustand und ich glaube, ich werde heulen, sobald ich die Geburt hinter mir habe. Und zwar 5 Tage lang. Vor Erleichterung! Ich will nienienie wieder schwanger sein! Ich fühle mich eingesperrt, festgenagelt, unausgeglichen und scheiße. Ich ertrage dieses Pulverfass nicht, ja weil ich halt scheiße ungeduldig und schon unschwanger ständig super-nervös bin. Weil es mich ankotzt, unbeweglich zu sein und weil es mich ankotzt, dass ich mich auf nichts anderes konzentrieren kann! Das ist bei mir einfach so ein Problem. Wenn was ansteht, dann ist das in meinem Kopf und nur das. Und was anderes kommt da nur ganz schlecht und schwer rein. Das ist bei Prüfungen so, bei Dates, bei Auftritten, manchmal schon bei ganz normalen Treffen… Und erst recht bevor ich entbinde. Diese scheiß Unklarheit. Diese scheiß Ungewissheit. Dieses scheiß Vorgeplänkel. Diese scheiß Stimmungsschwankungen. Dieser scheiß-ätzende körperlich eingeschränkte Zustand. Dieses sich schlapp fühlen. Bääääääh!!!

Ich ertrage das übrigens insbesondere deshalb nicht, weil ich mich so nicht ertrage und weil ich nicht ertrage, wie ich daran scheitere, entspannt-locker-lässig-laid back zu sein oder den Zustand wenigstens so halbwegs mit Würde hinzunehmen.

Ach Mist. Und dabei wollte ich heute nicht jammern.

Schwanger sein: 40. Woche (6)

Samstag (39+5):

4:30. Wache auf dem Sofa auf. Bin vorm Fernseher eingeschlafen. Schon wieder. Es zieht, weil niemand die Fenster zu gemacht hat. Ich versuche, K. zu wecken… Klappt mäßig. Irgendwann dann doch. Er tappert ins Bett. Schläft sofort weiter. Mist. Ich war zu lange wach jetzt, kann nicht mehr schlafen. Schleim. Ist das da Blut? Lässt sich nicht bestätigen. Denk nicht daran. Denk nicht daran. Schlaf Schlaf Schlaf! Es ist egal… Morgen gehen wir alle zusammen in die Stadt, besorgen Schuhe für P. Bewegung ist gut. Neiiiin. Es ist egal! Ich verhalte mich einfach ganz normal. Oder so normal wie möglich. 5:30. Versuche es mit einem Hörspiel. Klappt nicht. 6:00. Zähle von 1 bis 100. Laufe im Kopf durch einen Wald. Irgendwann im Morgengrauen schlafe ich dann ein.

„Du musst mit P. aufstehen. Ich war die halbe Nacht wach!“ Sage ich zu K. Er steht auf, ich bleibe liegen. Kann natürlich nicht mehr pennen. Arrrrrgh. Stärkeres Ziehen in Unterleib und Rücken. Fühlt sich an, wie kurz vor der Menstruation. Schleim. Versuche es einfach nicht zu bewerten. Erzähle es dann aber doch. „Das fühlt sich jetzt schon anders an, zumindest mehr in Richtung letzter Montag… Also mehr als in den letzten Tagen.“ – „Wir gehen. Jetzt einfach. In. Die. Stadt. Wir haben ganz viel Spaß zusammen und wollen durch nichts gestört werden.“ sagt K. grinsend. Er hat die Theorie aufgestellt, dass es genau dann losgehen würde, wenn wir uns andere Dinge vornehmen und so wenig darauf setzen wie möglich. Ich versuche, meinem Körper keine Beachtung zu schenken. Schwierig, denn es zieht echt ganz schön heftig… AberAber… Keine. Hoffnungen. Machen. Ommmmmmmm…

Vormittags in die Stadt. Konsum. Eigentlich nicht gut, aber Ablenkung, die brauch ich. Und Bewegung. Und P. braucht neue Schuhe. Komische Dinge gehen zwischen K und mir ab. Ich bin gereizt, weil ich glaube, dass er gereizt ist. Dabei ist er das angeblich nicht. Gibt sich im Laufe des Tages. Okay dann. Denke über lange Strecken tatsächlich nicht an Bauch und Baby. Aber die „BoooooarWooooooar“-Blicke… Naja… In der Baby-Schlafanzüge-Abteilung fragt mich eine Frau, ob’s denn bald soweit ist. „Termin ist in 2 Tagen“ sage ich. Da werden ihre Augen groß. „Na da sind Sie ja noch sehr entspannt, wenn sie noch einkaufen gehen und so…“ Äääähhhh jaaaaaa… Na klar bin ich entspannt. Wir sind 7 Stunden unterwegs. Treffe Freunde aus der Uni zufällig. Schön. Ich laufe, laufe, laufe und merke es gar nicht. Zunächst jedenfalls. Am Ende dann doch. Plattfüße. Auuutsch. Harter Bauch. „ich weiß gar nicht, wie du das so lange durchgehalten hast.“ sagt K. Ich auch nicht. Aber gut. 7 Stunden mal nicht nur Gewartet.

Zuhause. Die Nierenstelle tut wieder weh. Glaube mittlerweile wieder, dass es eher ein Nerv ist. Habe ein leicht schlechtes Gewissen. War das zu viel? Suhle mich auf dem Sofa. Aaaaaah, Körnerkissen… K. schmeißt den Abend mit P. Ich versuche, mich in der Wanne zu entspannen und die Schmerzen nicht überzubewerten. Trinke Chai. Und Eisenkrauttee. BW-Massieren. Ich kann es nicht lassen. Ich kann. Es einfach. Nicht lassen! Die dunklen Wolken ziehen wieder auf. „39+5… Und es passiert nichts…“ Der Bauch wird hart. Sehr hart. Es zieht im Rücken. „Hör auf! Es ist egal. Es bedeutet nichts. Gar nichts…“

Der wenige Schlaf der letzten Nacht schiebt mir die Augenlider eine Etage tiefer. Will heute kein Avena Sativa zum Schlafen nehmen. Habe Die Befürchtung, dass das den Wehen entgegenwirken könnte.

Auch heute wird mein Baby nicht kommen. Auch morgen werde ich mit einem dicken schweren Bauch aufwachen. Ich werde mich für meine Seminare einschreiben. Die Semesterferien sind ja bald vorbei. Schöne Scheiße, echt. Am Montag werde ich zur Gyn gehen und sehr viel Frust runterschlucken. Das CTG wird vermutlich okay aussehen. Vielleicht sind wieder Wehen drauf. Ich werde nach Hause gehen. Der Bauch wird immer wieder hart werden. Die Schmerzen in der linken Flanke werden kommen und gehen. Schleim. Ständiges Pinkeln. Druck nach unten. Ein Gefühl, als würde ich meine Tage bekommen und der ständige Versuch, sich nicht zu fragen, ob dies oder das oder jenes darauf hindeutet, dass s jetzt doch vielleicht losgeht mit der Geburt.

Und dann die Frage: Wie lange soll ich eigentlich warten bis wir einleiten? Wann ist der Zeitpunkt, an dem man mit mehr als den Hausmitteln nachhelfen sollte oder muss? Wie groß soll oder darf T. werden? Und: Was zur Hölle fehlt denn nur, damit es losgeht??

Wah! Nass in der Hose… Moment…

Hm. Nichts. War ja klar. Ich glaub, ich werde echt noch endgültig bekloppt.

Schwanger sein: 40. Woche (4)

noch immer Mittwoch, 39+2:

Der Tag verlief alles in allem stimmungsschwankend zwischen Ablenkungsversuchen (mal mehr, mal weniger erfolgreich), Resignation (Ich glaub, es wird einfach nicht von allein losgehen…), Selbstberuhigung (Mensch, du hast doch noch Zeit!) und Frustration. Trinke Chai und Himbeerblättertee im Wechsel. Beziehe unser Bett neu, räume unter’m Bett auf, gucke Schrott-TV, gehe heiß baden, … Heule ein bisschen rum, versuche es mit (Galgen-)Humor zu nehmen (wenn mein Kind über 6,5 Kilo wiegt, dann hab ich nach der Geburt wenigstens fast wieder mein Ausgangsgewicht. Ha. Ha. Haaaa…) und mir immer wieder zu sagen:

EINE MENSCHLICHE SCHWANGERSCHAFT DAUERT ZWISCHEN 38 und 42 WOCHEN! ES IST NOCH ALLES VOLLKOMMEN IM RAHMEN. T. GEHT ES GUT. ER KOMMT, WENN ER FERTIG IST.

P. ist in der Wanne und ich hänge auf dem überdimensionalen Sitzkissen daneben rum. T. ist ausnahmsweise sehr aktiv. Wenn er sich bewegt, wird mein Bauch auf einer Seite ganz leer und auf der anderen sieht man eine riesen Beule. Ich weiß immernoch nicht, was das immer ist, was da rausragt. Von der Form her kann es eigentlich nur sein Po sein. Aber es ist so „kantig“… Wuaaaah! So 3 cm über dem geploppten Nabel ist ein kleingliedriges irgendwas… Ich kann die Umrisse ziemlich genau sehen und abtasten… Ein Füßchen? Oder ein Knie? Von dem rund-ovalen Ding kann ich schräg nach unten einen längeren Knochen oder so fühlen… Mein Herz klopft. K. fühlt auch. Ich erinnere mich wieder, worum es geht: MEIN BABY! Es ist total abgefahren, da zu liegen, die Hand auf dem Bauch und auf einer nicht wirklich definierbaren winzigen Baby-Gliedmaße rumzustreicheln… Eigentlich sind da nur wenige Zentimeter – wenige Milimeter! – Haut dazwischen. Und trotzdem ist es noch so ein irre beschwerlicher Weg bis man das Baby dann endlich (endlich, endlich, endlich) so richtig angucken, festhalten, riechen, … kann. Ach ja…

Nachdem P. (endlich) in der Falle ist – ist eine durchschnittliche Zubettgehzeit zwischen 21:00 und 21:30 eigentlich für eine knapp 3-Jährige zu spät? – sammle ich sämtlichen Müll zusammen, jogge die Treppen runter, einmal um den Block. Okaaaay… Joggen ist jetzt ein bisschen übertrieben… Beim Laufen bekomme häufiger einen sehr sehr harten Bauch und ich nicht selten ein tierisches Stechen zwischen den Beinen. Ganz plötzlich. Es durchfährt mich wie ein Blitz und es fühlt sich an… nun ja… als würde jemand mit einem Messer sorgfältig die innere Scheidenwand (in Richtung Symphyse) aufschlitzen. Auuuutsch! Ich muss dann kurz stehen bleiben, mich konzentrieren, um dann langsam und in Trippelschritten weiterzulaufen. Dann ist es aber sofort vorbei… Was ist das nun wieder? Kann sich die Verkürzung des Gebärmutterhalses – am Montag waren ja noch 1,5 cm übrig – oder die Öffnung des Muttermundes so anfühlen? Oder deutet das wieder in Richtung Blasenentzündung? Da spricht der Hypochonder aus mir. Kopf lieber aus jetzt. Hinter mir laufen Leute. Mit Hunden, ohne Hunde, in Bauarbeiterkluft. Ich bin langsamer als alle. Wie man in der 40. Woche wohl so von hinten aussieht? Ich versuche testweise so zu laufen, als hätte ich keinen Medizinball umgeschnallt. Wie ging das gleich? Wie laufe ich unschwanger?

Wie bin ich überhaupt, wenn ich nicht schwanger bin? Was hab ich so gemacht? Ich erinnere mich an einen Morgen (muss so gegen 4 gewesen sein, irgendwann im Frühling), als ich genau hier langgelaufen bin und mich (noch nicht so wirklich nüchtern) über die rosa Schäfchenwolken und den Sonnenaufgang gefreut habe… Als in meinem Kopf kein Wust und in meinem Bauch keine Wassermelone war. Dafür aber die Freude auf’s Bett und die Aussicht, in 2,5 Stunden mit P. aufstehen zu müssen. Das war keine schlechte Zeit. Wahnsinn, dass jetzt einfach Mal so – schuuuuuiii – ein 3/4 Jahr weg ist… Wie lange werde ich dieses Mal brauchen, bis ich wieder zu mir finde? Ich weiß, dass es nach der Schwangerschaft mit P. eine Weile gedauert hat. Da war die ganze Situation aber eine vollkommen andere… Ich musste da ganz neue Lebensinhalte finden, weil der Abschnitt vorher mit dem letzten Konzert schlichtweg komplett vorbei war. Dieses Mal könnte das schneller gehen. Mein Leben ist ja schon auf Kind und Familie eingestellt. Ich bin zufrieden damit. In meiner Vorstellung fühle ich mich schon kurz nach der Geburt wieder viel mehr ich selbst. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…

Donnerstag (39+3):

Nüchterne Information, der Vollständigkeit halber: Es wurde angestupst. (Was ist „stupsen“ eigentlich für ein niedlich-abgefahren-seltsames Wort? „Stupsen“… Lach.) Bisher (wir schreiben 13:45) ist aber keine Veränderung feststellbar. Heute morgen wurde 2-3 Mal der Bauch hart und es zog etwas heftiger dabei im Rücken. Sonst aber nichts weiter. Wir schlagen uns mit Nerv-Scheiß wie unserem neuen doofen Vodafone-Router rum. Im Forum hat eine Mitschwangere heute Vormittag entbunden. 40+1. Bei Mrs. Elch startet heute der zweite Einleitungsversuch. 40+6… Kloß im Hals… Schlucke ihn runter.

Ich befinde mich jetzt gerade in so einem Zustand, in dem ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, dass eben dieser überhaupt noch ein Ende haben wird. Und das in sogar sehr absehbarer Zeit. Als Mensch ist man wahrscheinlich schon irgendwie darauf gepolt, sich zu arrangieren, sich an Dinge zu gewöhnen. Ich hab mich an diesen Zustand gewöhnt. So wie ich mich an meine Krankheit gewöhnt habe, die mich kaum einen Einkaufsladen ohne Schweißausbruch durchqueren und kaum eine soziale Situation ohne Aufregung überstehen lässt. Es ist jetzt so. Mein Bauch ist riesig. Ich bin total unbeweglich. Alle um mich herum werfen ihre Babys raus. Und ich sitze immernoch hier. Renne zum Arzt, sehe wunderbare Wehen auf dem CTG, merke mein sich bewegendes Baby im Bauch, bekomme regelmäßig einen steinharten Bauch, habe Ziehen im Rücken und absondere seltsames Zeug, renne permanent aufs Klo und kann nicht länger wach sein als bis 23:30. Ja, so ist das jetzt. Und ich vergesse immer wieder, dass es ganz bald wieder ganz anders sein wird. Dann werde ich ein süßes kleines Baby haben, mich fragen, ob die Pusteln was Schlimmes sind und ob er genug Milch bekommt, meine wunden Brustwarzen pflegen, mir über den Uni-Start Sorgen machen, versuchen, P. und T. unter einen Hut zu bringen, Babykacke weg machen, zwischendurch fasziniert T. beim Grimmassen schneiden zugucken, morgens über meinen labrig-gerissenen Bauch ganz schnell etwas drüber ziehen und ziemlich, ziemlich übermüdet sein.

Und so schliddern wir Menschen von Phase zu Phase, von Sommer zu Herbst zu Winter, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Sammeln Erinnerungen, an das, was war, machen uns Vorstellungen von dem, was kommt und sehnen uns nach Dingen, die vorbei sind. Über andere sind wir auch ganz froh… Eine überstandene Schwangerschaft gehört für mich eindeutig dazu. Wir wünschen uns oft, dass die Dinge anders wären… Dass wir uns besser fühlten, fitter wären oder unser Leben ein kleines bisschen anders.

Hardcore Zen von Brad Warner hab ich im Urlaub gelesen. Das überzeugte mich nicht in Gänze und ich persönlich brauche auch keinen Buddhismus, um die Denk- und Fühl-Ansätze, von denen er da spricht, gut zu finden. Für mich war das Buch aber in dem Moment genau das, was ich brauchte. (Ich lese gern Bücher und Gedanken von Menschen, die zweifeln und über die Welt grübeln und mit denen ich mich dadurch identifizieren kann. Ich bin immer auf der Suche nach Büchern, in denen mich Menschen – ob nun über eine fiktive Story oder vermittels ihrer eigenen Lebensgeschichte – in ihre Köpfe gucken lassen. Mich interessiert, wie Andere die Welt sehen. Und ich bin immer wieder erstaunt, wie selten man wirklich nahes und authentisches in die Finger bekommt.) Brad Warner ist Punkrocker einerseits und buddhistischer Mönch andererseits. Bei ihm fand ich zum genau richtigen Zeitpunkt „Take it or leave it“-Ansätze, die ich mir vorbeten kann und die mich dazu bringen, mich runterzufahren und Momente so hinzunehmen, wie sie sind. Das ist für mich nach wie vor eine enorm schwere Übung. Ich habe schon als Kind beim Karussellfahren gefragt, was wir danach machen. Ich könnte tagelang vorm Geburtstag nicht schlafen vor lauter Aufregung. Ich bin ungeduldig und übertrieben ehrgeizig seit ich das Reflektieren und soweit ich mich zurückerinnern kann.

So in etwa sehen meine „Mantren“ aus:

  1. Tu, was jetzt gerade dran ist.
  2. Konzentrier dich nur darauf, was du jetzt gerade in diesem Moment tust.
  3. Hör auf damit, die Dinge einfach nur hinter dich zu bringen und im Moment schon beim danach zu sein. Sei hier!
  4. Es gibt nichts, was irgendwie eindeutig besser oder schlechter ist. Alles ist zunächst einmal.
  5. Versuche, nur wahrzunehmen, was du jetzt wirklich wahrnehmen kannst. Ohne Vergleich. Ohne Bewertung. Ohne Einordnung. Ohne Abwerten.
  6. Frag nicht, was jetzt besser wäre oder was anders sein müsste, damit es besser wäre.
  7. Wenn du krank bist, nimm auch den Zustand so wie er ist, ohne ihn mit dem Gesundsein zu vergleichen.
  8. Tu, Tu, Tu es einfach und tu es ganz bewusst!

Man hat schließlich (fast) immer die Wahl: Man kann sich fertig und alles noch viel anstrengender machen durch Grübelei, Gejammer im Sinne von „viel besser-schöner-toller wäre es jetzt, wenn…“ und Selbstbemitleidung (das kann ich zum Beispiel ganz hervorragend). Oder man versucht, wahrzunehmen, was ist: Aha. Ich habe gerade echt starke Rückenschmerzen. Draußen fährt ein Müllauto lang und macht krach. Der Regen trommelt auf mein Fenster, durch den Wind schwillt er an und wieder ab… Das ist wirklich eine gute Übung, hab ich festgestellt – ich glaub, in der Psychotherapie nennt man das „Achtsamkeitstraining“. Schon mal versucht, dich beim Zähneputzen nur und ausschließlich auf’s Zähneputzen zu konzentrieren? Also wirklich einzig und allein auf diesen Vorgang? Durch sowas kann man wirklich in Trance-ähnliche Zustände kommen. Wenn ich merke, dass meine Gedanken, mein Gegrübel und Gehader mal wieder aus dem Ruder laufen, versuche ich mich mit Hilfe dieser „Gedächtnisstützen“ zu „besinnen“. Und das klappt bei mir bisher noch mit am besten… Also besser als autogenes Training, Yoga oder Muskelrelaxion zum Beispiel. Weil ich es viel akuter anwenden kann. Und weil es bei mir schon alles eher über den Kopf geht.

Huch… Was für ein weites Abschweifen war das denn jetzt? Naja… Herzlich Willkommen in meinem Kopf. So sieht’s hier aus, so geht’s hier zu. Tadaaaa… Und eigentlich war ich total motiviert, meine Studienleistung heute zu schreiben…

…. …. ….

Oh Mann.. Ich schwöre, ab morgen gehe ich nur noch mit Schild auf die Straße! Auf dem steht: JA. ES IST EIN ENORMER BAUCH. JA, ES MÜSSTE BALD KOMMEN. JAAAA, GENAU, ES WERDEN SICHER ZWILLINGE. Gääääähn… Schon deshalb wäre es toll, wenn’s dann doch so langsam ein Ende hätte.

Nachdem wir uns mit J&J und K&T im Kinder-Spieledings getroffen habe, gehen wir essen. Ja, entspannt ein bisschen. Außerdem haben wir seit Wochen nicht mehr wirklich was zu Essen im Haus… Bzw. Nur für die nächsten 2-3 Tage. Könnte ja was dazwischen kommen. Ich bekomme langsam Paranoia. Alle starren mich an… Wo ist mein Schild, wenn ich es brauche?? „Was ist los?“ fragt mich K. „Ich kann einfach nicht glauben, dass ich Immernoch schwanger bin…“ Ich glaub, er kann es überhaupt nicht mehr hören. Aber er gibt sich echt Mühe, das zu überspielen. Dafür verdient er Liebe, finde ich.

Plötzlich bekomme ich wieder Geburtspanik. Hä? Was soll das denn? Die ganzen Tage jetzt war ich fast „heiß“ auf die Geburt und jetzt plötzlich wieder Schiss? Nee, nee… Komm schon, Hirn! So jetzt nicht. Mir geht’s aber gerade irgendwie echt nicht gut. Mir ist schummerig, die Niere tut weh, ich bin kaputt.. Jetzt gerade hab ich wieder ein bisschen Angst, dass es in so einem „ungünstigen“ Moment losgeht… Nö Mann! Es gab auch gute Tage. Wenn ich schon warten muss, dann soll es bitte an so einem energetischen losgehen.