Ein bisschen „depri“…

„Und? Wie geht’s dir so?“

Scheiß Frage, oder? Jedenfalls dann, wenn es irgendwie nicht gut geht, man aber keine Gründe hat. Wenigstens keine, die sich so ohne weiteres erklären ließen, wenn man sich beim Bäcker zufällig trifft. Oder auf dem Spielplatz. Oder, oder, oder… Das will doch keiner hören. Und irgendwie will man auch nicht die lamentierende, überforderte-„naja, die hat halt jetzt ein Kind, was will man da erwarten?“-Mutter sein.

„Und? Wie geht’s so?“

Andererseits: Was ist das Raushauen dieser Floskel eigentlich für eine bescheuerte Angewohnheit von uns Menschen? Was soll man darauf denn bitte antworten? Will jemand eine ernst gemeinte Antwort überhaupt hören? Aber warum nicht einfach ehrlich sein?

„Wie es mir geht? Scheiße, ehrlich gesagt. Und dir?“

Ich hab das schon einige Male versucht. Ist so naja. Meistens ist es so, als würde das Gegenüber gar nicht wirklich zuhören. Eben. Was soll man daraufhin denn bitte sagen? Meistens wird irgendwie betont betroffen-mitleidig geguckt, betreten geschwiegen und dann: „Ja gut, ich muss dann auch…“ Das führt nun sicher nicht dazu, dass Person XYZ sich gerne mit einem zum Abendbrot / Mittagessen / Waldbegehung / Kino / saufen treffen möchte. Bringt einen also auch nicht weiter.

Worauf ich hinaus will, weiß ich gerade auch nicht wirklich, ehrlich gesagt. Ich füge an das hier einfach eines meiner Lieblingsgedichte an. Es ist von Erich Kästner und geht so:

Traurigkeit die jeder kennt

Man weiß von vornherein, wie es verläuft.
Vor morgen früh wird man bestimmt nicht munter.
Und wenn man sich auch noch so sehr besäuft:
die Bitterkeit, die spült man nicht hinunter.

Die Trauer kommt und geht ganz ohne Grund.
Und angefüllt ist man mit nichts als Leere.
Man ist nicht krank. Und ist auch nicht gesund.
Es ist, als ob die Seele unwohl wäre.

Man will allein sein. Und auch wieder nicht.
Man hebt die Hand und möchte sich verprügeln.
Vorm Spiegel denkt man: „Das ist dein Gesicht?“
Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln.

Vielleicht hat man sich das Gemüt verrenkt?
Die Sterne ähneln plötzlich Sommersprossen.
Man ist nicht krank. Man fühlt sich nur gekränkt.
Und hält, was es auch sei, für ausgeschlossen.

Man möchte fort und findet kein Versteck.
Es wäre denn, man ließe sich begraben.
Wohin man blickt, entsteht ein dunkler Fleck.
Man möchte tot sein. Oder Gründe haben.

Man weiß, die Trauer ist sehr bald behoben.
Sie schwand noch jedes Mal, so oft sie kam.
Mal ist man unten, und mal ist man oben.
Die Seelen werden immer wieder zahm.

Der Eine nickt und sagt: „So ist das Leben.“
Der andre schüttelt seinen Kopf und weint.
Wer traurig ist, sei´s ohne Widerstreben!
Soll das ein Trost sein? So war´s nicht gemeint.

Äs is ä Kreuz.

Hmmm.

Kennt ihr das? Wenn der Kopf so vollgeknallt ist mit Schmonz, dass nur ein „Hmmm“ rauskommt, wenn einer was konkretes wissen will?

Irgendwie bin ich ein bisschen überfordert. Weil wieder am Arbeiten, ein bisschen nur, aber doch zu viel, so zwischen Tür und Angel. Ohne KiTa. Immer nur in den Schlafpausen von P.. Und dann noch beschissen werden von unseriösen Auftraggebern. Versuchen sich nicht zu ärgern. Und man tut es ja trotzdem. Vertane Zeit. Verschwundenes Geld. Und wieder: Ärger.

Irgendwie bin ich ein bisschen sentimental. Das P. ist 1. Sie ist E-I-N-S. Um ihren Geburtstag herum haben wir alle paar Stunden auf die Uhr geschaut und überlegt, was wir ein Jahr zuvor gerade gemacht haben. Wie oft ich schon gestorben bin. Ob das P. schon da war. Was wir gedacht, gefühlt, erwartet haben. Wir haben abends meine Tagebücher rausgekramt und ich habe mich gewundert, dass ich tatsächlich ganz genau den Kreißsaal beschrieben habe. Ich weiß nicht wohin mit dieser Sentimentalität. K. meint, ich soll sie aushalten und genießen. Ich kann das nicht. Ich fühle mich immer wie ein Stein. Wo ist die Zeit hin, frage ich mich und weiß, dass diese Gedanken so mamamäßig klischeehaft sind. Ich weiß noch, wie ich schon am 2. Lebenstag von P. dachte: Ich begreife erst jetzt, was es heißt, dass jeder Tag einzigartig ist und genossen werden will. Manchmal schaffe ich es und manchmal nicht. Und manchmal ärgere ich mich am Ende des Tages, dass ich wieder den halben Tag nur damit beschäftigt war, darauf zu warten, dass P. schläft. Nur um irgendwas sinnloses zu machen. Dabei ist doch irgendwie jeder Moment ein bisschen kostbar.

Irgendwie bin ich ein bisschen herbstig. Der Sommer überfordert mich oft, weil er von mir verlangt ständig rauszugehen. Ja! Luxus-Probleme. Ich habe oft Couch-Potato-Phasen, in denen ich am liebsten den ganzen Tag in der Bude hängen will. Manchmal fühle ich mich draußen nicht wohl, das hat was mit meiner Gesundheit zu tun. Macht mein Kopf nicht mit, mit Kind. Man muss doch raus. Muss doch was sehen, von der Natur. Und überhaupt und sowieso. Abends habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht draußen war. Im Sommer kommt mir der nahende Herbst immer gelegen, weil ich mir einbilde, dass er mich weniger unter Druck setzen wird. Wenn er dann da ist, kotzt er mich an. Er ist grau und maximal fünf Tage bunt. Er macht mir bewusst, dass wieder fast ein Jahr durch ist. Er kündigt den Winter an. Er ist stürmisch und kalt und nass und bäh. Ich gebe zu viel Geld, was ich nicht habe, für „Funktions-Klamotten“ aus, die ich meine zu brauchen.

Irgendwie bin ich ein bisschen frustriert. Die Uni hat wieder angefangen, aber nicht für mich. Ich habe keinen Platz für mein Wunsch-Studium (Soziale Arbeit) bekommen, obwohl die Hochschule bei mir um die Ecke ist und wir einen Platz in der Campus-KiTa sicher gehabt hätten. 3000 Bewerber. 70 Plätze. NC bei 1,4. Und nicht mal mit dem Durchschnitt sind alle Bewerber ins Studium bekommen. Ich kann das Wort „Zufallsgenerator“ nicht mehr hören. Ich habe nur Chancen über den Härtefall-Antrag reinzukommen, aber (Zitat Studienberatung): „Das müssen Sie verstehen, Frau J., wir haben Ihren Antrag anerkannt und sie sind auch auf Platz 7 der Härtefälle. Aber dieses Jahr haben sich eine Blinde und ein Rollstuhlfahrer beworben, die haben natürlich Vorrang. Und das Kind können wir nicht berücksichtigen. Das haben Sie sich ja selbst ausgesucht.“ Ähm. Ja. Ist klar. Muss ich ir-gend-was dazu sagen??? Die Paralympics der Studienbewerber. Mann ey. In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Irgendwie bin ich ein bisschen gekränkt. Die Gründe hier breitzulatschen (breit zu latschen?) ginge mir zu weit, deshalb verweise ich dezent auf folgenden Artikel von Svenja und füge hinzu, dass es bei uns umgekehrt ist.

Irgendwie bin ich ein bisschen dddoingggg. Weil ich eigentlich finde, dass man sich nicht ständig beschweren sollte(, was mich nicht daran hindert es trotzdem ständig zu tun). Weil ich eigentlich weiß, dass man sich prinzipiell glücklich schätzen sollte, hier leben, sich ein Lebensmodell aussuchen und halbwegs frei entscheiden zu können, wer, wie und was mein sein und leben möchte. Weil ich eigentlich denke, dass diese nervtötende prä-post-pubertäre-watweeßickwasfüreine-Phase auch irgendwann mal durch ist und man sich (so etwas ähnliches wie) arrangiert mit sich und der Welt. Weil ich eigentlich so glücklich über mein P. bin, die jeden Tag unglaubliche Fortschritte macht und anfängt mich zu verstehen.

Aber nun ja… Wie sagt man so schön? Irgendwas ist halt immer. Man möge mir den Schmonz aus dem Hirn schmeißen. BITTE!