Herdprämie, Heimchen, … – What the FUCK???

Leute, ich habe SO EINEN HALS!

Soviel vornweg. In den letzten Tagen wurde also das Betreuungsgeld – liebevoll auch „Herdprämie“ oder „zurück in die Steinzeit“ genannt – beschlossen. Vor einigen Tagen stand ich mittags gegen 12 in meiner Küche. Das Kind schlief im Nebenzimmer und ich habe öko-bio-bliblablubb-korrektes Essen für „es“ gekocht. Nebenbei lief Deutschlandfunk. Eine Diskussion über eben dieses Betreuungsgeld. Und während ich so vor mich hin gerührt habe, hätte ich mit der Zeit beinahe in P.s Essen gekotzt.

Madame Werauchimmer im Radio quarkt also etwas von „vollkommen rückständig“ und einem „absoluten Rückschritt, „weg von der Emanzipation“, „zurück an den Herd“… Und ich? Rührte zunehmend aggressiver und fragte mich, was dieser Mist eigentlich soll!? Ich fühlte mich beschissen, weil ich mir nicht dachte „Ja, genau, die Frau hat Recht“, sondern: „Scheiße, ich wäre im Moment verdammt glücklich darüber, wenn ich monatlich 150 Euro dafür bekäme, dass ich mein Kind betreue. Ich bin also ein Heimchen. Rückständig. Eine von meinem übermächtigen M-A-N-N abhängige H-A-U-S-F-R-A-U *kreiiiiisch* Du hast jetzt ein Kind. Du hast dich entschieden, (mehr oder weniger freiwillig) über das erste Lebensjahr hinaus den Hauptteil deiner Zeit deinem Nachwuchs zu widmen. Du bist als Frau nichts wert. Du hast versagt.“

Nachdem die Dame im Radio (ich habe leider Namen und etwaige Parteizugehörigkeit vergessen) mein Selbstbewusstsein in den Boden gestampft hatte, wurde ich wütend. Ich BIN emanzipiert und ich verbringe trotzdem das zweite Lebensjahr gemeinsam mit meinem Kind. Muss ich mich wirklich von einer anonymen anscheinend ahnungslosen, blöden Votze Radiostimme für diese Entscheidung als rückständig beschimpfen lassen?

Ich stehe noch vor meiner Ausbildung, ich bin jung. Ich bin der Meinung, dass mein Leben (wenn es gut läuft) noch etwa 70 Jahre dauern wird und ich denke nicht, dass ich in zwei Jahren Kinderbetreuungszeit unendlich viel von meiner unglaublich wichtigen Karriere verpassen werde. Ich hätte gerne in diesem Jahr mein Studium angefangen (Soziale Arbeit, denn ich will eine KiTa gründen). Bei 3000 Bewerbern und nur 70 freien Plätzen, ergo einem NC von 1,3 nicht ganz so einfach. Davon mal abgesehen, dass die KiTa-Situation natürlich beschissen ist. Und natürlich hat es die Überlegungen gegeben (und es gibt sie immer noch), ob es so oder anders nicht besser wäre. ABER…

Ganz ehrlich? Mein Kind erschien mir mit einem Jahr noch nicht „reif“ für die KiTa, (hätte ich denn einen Platz bekommen). Sie konnte nicht laufen, sich kaum äußern, nichts. Jetzt beginnt langsam eine Zeit, in der sie mir bereiter erscheint und ich mich wohler bei dem Gedanken fühle, und sogar das Gefühl habe, dass sie das brauchen könnte und bald brauchen wird. ICH finde, dass MIR mein Kind sehr viel beibringt. So sehr mir Abwechslung manchmal fehlt,  ich wieder aktiv an diversen Schaffensprozessen beteiligt sein möchte und so sehr ich manchmal damit hadere neben der Aufgabe als Mama noch ein bisschen selbstständig arbeiten zu müssen, damit die Finanzen stimmen… So sehr stehe ich trotzdem hinter meiner Entscheidung. Und gerade deshalb sehe ich es nicht ein, dass Frauen (oder auch Männer), die eine zeitweise Entscheidung für die Familie treffen, so betitelt / behandelt / schlecht gemacht werden. Nicht jede Frau, die sich dafür entscheidet, ist ein Heimchen!

Ich bin mal wieder sprachlos mit welcher schwarz-weiß-Malerei in diesem Land „Debatten“ geführt werden, wenn man sie denn überhaupt so nennen kann. Mich macht es rasend, dass diese „Diskussion“ auf Stammtisch-Niveau geführt wird und dass sich aus den links-liberal-grünen Reihen offensichtlich niemand die Mühe macht, kurz verschiedene Lebensmodelle zu durchdenken. Dass der Vorschlag ausgerechnet von der CSU kommen muss, passt auch mir nicht in den Kram, weil er gerade deshalb natürlich einen äußerst konservativen Beigeschmack hat, der auch mir zunächst etwas bitter schmeckt. Aber es muss doch möglich sein, über so eine Sache halbwegs reflektiert sprechen und denken zu können. Dennoch enden auch diese Gespräche wieder in einem absurden Parteien-Gezänk, dass eher an eine Pausenhof-Keilerei erinnert, als eine politische Debatte. Aber auch das ist ja (leider) nichts Neues mehr. „Das kommt von denen? Dann machen wir da auf g-a-r keinen Fall mit. Ätsch.“

Klischees! Vollkommen überzogen und vorbei an der Realität! Jaaaa… Es gibt nur Karriere-Coffee to go-Sex and the City-Chefetagen-Ladys oder das Hausfrau-Mutter-Steinzeitweib. Na sicher. Schönes buntes Deutschland. Dass ich nicht lache. Ich bin 23. Ich habe über acht Jahre in einer FRAUEN-Rockband gesungen und musste mich Tag für Tag gegen blöde Kerle behaupten, die der Meinung waren, dass es unmöglich sein MUSS, dass eine der vier „Chicks“ da vorne irgendeinen Stecker an die richtigen Stellen bringen kann. Ich bin jung Mutter geworden. Mein Freund ist 17 Jahre älter als ich und verdient – und das liegt weniger am Problem „Mann-Frau“, sondern tatsächlich am Alter – einfach besser als ich. Also geht er hauptsächlich arbeiten und ich kümmere mich hauptsächlich um unser gemeinsames Kind und arbeite nebenbei selbstständig.

(Kurzer Ausflug in die Welt der sinnlosen Argumentation:) Ich sage bewusst nicht, dass ich mich um Kind und Haushalt kümmere. Ich finde das Müll. Wenn man zu Studentenzeiten beispielsweise in einer WG lebt und kurzzeitig nicht arbeitet, erklärt man da dem fragenden Gegenüber, dass man „im Moment hauptsächlich Hausmann / -frau“ ist? Eben. Ich begreife das nicht als Aufgabe, sondern als das, was Mann oder Frau halt macht, wenn er/sie eine eigene Wohnung hat. Aber das nur am Rande.)

Mein arbeitender Partner kommt trotzdem nicht nach Hause, um mal schnell einmal mit dem Kind HoppHoppe-Reiter zu machen, mein seit Tagen vorbereitetes Essen in sich rein zu schaufeln. Und sich anschließend mit Bier vor die Glotze zu hauen und Fußball zu gucken, während ich das Abend-Ritual mit dem Kind starte. BULL-SHIT! In welcher Familie stimmt dieses archaische Bild denn bitte wirklich noch? Er nimmt natürlich ebenfalls teil am Familienleben und mir so viel wie möglich ab. Er kocht, räumt auf, schunkelt, schaukelt, wickelt, singt und so weiter. Und er geht arbeiten.

Ich muss mir also anhören, dass „dafür gesorgt werden muss, dass Frauen nach der Geburt des Kindes schnellstmöglich zurück in den Job können“. Die Mütter müssten die Möglichkeit haben, ihre Kinder so schnell wie möglich in eine Betreuung zu geben, damit ihr Sprößlinge so schnell wie  möglich anfangen Teil des sozialen Gefüges zu werden, Kompetenzen hier und da entwickeln und so weiter. Sonst ist es sehr wahrscheinlich, dass das Kind später mal KEIN Abitur machen wird (hier gelesen).

Ähm. Und wenn die Mütter nach wie vor überwältigt sind von dem, was da mit ihnen passiert ist und passiert? Wenn die Mütter Zeit mit Kind und Kegel verbringen wollen, um sich an die neue Situation zu gewöhnen? Wenn die Mütter die (irgendwie auch) Auszeit nutzen möchten, um mit dem Kind vertraut zu werden?

Ich bleibe dabei. ICH wäre froh, wenn ich im zweiten Lebensjahr von P. 150 Euro bekommen würde. ICH könnte das Geld sehr gut gebrauchen und es würde nichts daran ändern, was ich in meinem Leben vorhabe. Vor allem anderen würde es mich ein stückweit davor bewahren mich mit 23 wegen Burn-Out behandeln lassen zu müssen, weil ich in den Schlafenszeiten meiner Tochter krampfhaft versuchen muss, das fehlende Elterngeld reinzuwirtschaften. ICH empfinde mich trotzdem NICHT als rückständiges Heimchen, dass sich „die gute alte Zeit“ zurück wünscht und von Emanzipation noch nie was gehört haben will. So.

 

Edit: Meine Meinung dazu hat sie doch ziemlich geändert – ehrlich gesagt ist mir das hier mittlerweile ganz schön peinlich! Bitte ergänzend diesen Artikel hierzu lesen: https://babykram-kinderkacke.com/2012/04/25/herdpramie-heimchen-what-the-fuck-vol-2/