Das Geduldsfaden-Dilemma

Weil ich im vorletzten Eintrag das Thema „Abgründe“ bereits angeschnitten habe, möchte ich es heute noch ein wenig vertiefen. Es ist quasi akut. Abgründe also. Meine, meine ich. Was macht man nun, wenn man gerade mal so Mitte 20 ist und sich (noch?) nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit total im Griff hat? Ich KANN einfach nicht rund um die Uhr ein lustiger, mein Kind  bespaßender Clown sein. Muss ich das? Ich habe das Gefühl, ich muss. Und das kommt noch nicht eimal wirklich „von außen“, sondern von mir selbst.

Es gibt Momente / Stunden / Tage / Phasen, da möchte ich mich am liebsten Zuhause einrollen, mich in Bücher vergraben oder Glotzekotze gucken und nicht angesprochen werden, vom Rausgehen mal ganz zu Schweigen. Das war schon immer so. Das hat auch viel mit dem Morbus Chrohn zu tun, der den Ausgang oft nervig-anstrengend bis unerträglich macht. Aber: Spielplätze zum Beispiel sind für mich so ziemlich der Horror. Weil: Meistens kein Klo weit und breit, ausharren und warten. Da passt leider so gar nicht zu meiner Angststörung und ich verdränge (mehr oder weniger erfolgreich) die Frage, wie das mit P. werden soll, wenn sie älter wird und Spielplatzbesuche fordert… Ha! Seht ihr? Ich rechtfertige mich schon wieder.

„Früher“ habe ich dem „Ich kann / will nicht mehr“ nachgegeben, wenn es möglich war. Und auch „damals“ habe ich mich schon irgendwie ungut dabei gefühlt. Das schlechte Gewissen war und ist mein ständiger (NERVTÖTENDER) Begleiter. Jetzt ist P. da. Und noch mehr Druck im Kopf: Man kann doch nicht einfach einen Tag lang (oder sogar mehrere) NICHT raus gehen. Das Kind muss doch die Natur toll finden… Oder mehrere Stunden nur beim Kind im Zimmer rumhängen, ohne aktiv zu bespielen. Innerlich kochen, weil man gerade keinen Nerv auf die „Haha, Essen runterschmeißen ist so witzig“-Nummer hat. Ich will aber nicht so eine dauer-genervte „Geh in dein Zimmer/Halt den Mund/Ich habe „Stop“ gesagt“-Mutter werden. Also: Runterschlucken. Oder?

Und noch darüber hinaus: Was ist, wenn es einem mal wirklich beschissen geht? Wenn man eigentlich nicht kann, aber muss? Das Kind zusätzlich noch zahnt, krank ist oder müde oder einfach seinerseits schlecht drauf? Wenn der Geduldsfaden schon kaum für sich selber reicht? Wenn für einen kurzen Augenblick die Gedanken flöten gehen und die Alltagsroutine mit irgendwelchen Träumen kollidiert? Wenn das Fernweh einen fast umbringt? Oder die Feier-Wut?

Man holt NATÜRLICH die letzten Reserven für das Kind raus. Und man reißt sich zusammen. Ich fühle mich schlecht, weil ich dann das Gefühl habe, nur halb da zu sein. Und ich frage mich, wie viel oder wie lange man so einem Kind eigentlich (ganz vorsichtig gesagt) „vorspielen“ kann und sollte. Ich will ja eigentlich echt sein. Aber sie kann das doch noch gar nicht verstehen. Abends bin ich an solchen Tagen vollkommen erschöpft. Das schlimmste für mich ist im Moment, dass abends eigentlich mein Arbeitstag erst beginnt… Manchmal weiß ich einfach nicht, woher ich’s noch nehmen soll, wenn eh schon kaum etwas da ist.

Wie macht ihr das? ?