Fehler im System (Oder: Kleinfamilien-Rant)

Ich wache davon auf, dass ein Kind schreit als würde es lebendig verbrannt. Ich springe aus dem Bett und falle dabei auf die Nase. Meine Beine waren eingeschlafen, ich hatte kein Gefühl mehr darin. Mit blutender Nase humpele ich ins Kinderzimmer. T.s Schlafanzug ist oberhalb der Windel gelb-braun. P. kreischt und schreit panisch. Eine Honigbiene sitzt auf ihrer Schlafanzughose. T. guckt verdattert. Ich versuche, sie zu beruhigen, wir befördern die Biene aus dem Fenster. T. ruft „Mama! Is will eine Miiis!“ und P. „Und ich will Cornflakes!“ und „Mama, kann ich fernsehen?“ und „Mama, was machen wir heute?“ und „Mama, können wir heute schwimmen gehen?“ und irgendwann: „Mama, du blutest ja!“ Morgens, halb zehn in Deutschland. Es ist Sonntag.

Sonntage sind so ziemlich die schrecklichsten aller Tage, finde ich. Nur Weihnachtsferien sind noch schlimmer. Die Kita hat zu, man fühlt sich nach Rumgammeln und Nixtun (alle kinderlose Welt tut auch ebendas, die Schweine!), die Kinder sind aufgekratzt und auf Action und alle Bekannten haben in 99% aller Fälle schon was innerfamiliäres geplant. Dem oder der, die oder der sich den Sonntag ausgedacht hat, wünsche ich eine Woche voller Sonntage. Mit kranken Kleinkindern. Und Regen. (Und die Kinder sind nicht etwa nur erkältet, sie haben MAGEN-DARM! Ha!)

Ich war – wie so oft – schon angespannt und genervt von dem Dauerfeuer, dem ständigen reagieren müssen bevor ich überhaupt so richtig wach war. Und ich war – wie so oft – wütend auf mich, weil ich genervt war und nicht schon ganz entspannt ein Familienfrühstück im Sonnenschein und für danach eine kleine Bastelei mit den Kindern, kurz vor dem Ausflug ins Grüne, vorbereitet habe. Altes Lied, altes Leid.

Ich habe mich schließlich mit einer Freundin und ihren Kindern verabredet. Als sie kamen war sofort alles besser. Die Kinder waren mit anderen Kindern beschäftigt – laut, aber beschäftigt -, ich konnte mich mit Erwachsenen unterhalten, nebenbei Haushaltskram erledigen, der Mann der Freundin hat später Mittagessen für alle gekocht, ich habe den Tisch gedeckt, sie hat nach dem Essen abgewaschen, K. ist später mit den Kids zum Indoor-Spielplatz. Alles im Flow. So mag ich das.

Kaum wieder allein, rasen die Gedanken in üblichen Bahnen. Mich lässt die Frage nicht los, was es uns Eltern heute so schwer macht, Eltern zu sein. Warum sind wir oft so genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Nachdem P. geboren war, fand ich mich am Wickeltisch einem kreischendem Mini-Menschen gegenüber, den ich zu diesem Zeitpunkt (mit 21) noch ein Jahr zuvor definitiv nicht in meinem Leben verortet hätte. Ich gewöhnte mir unbewusst an, die Zähne ganz fest aufeinanderzupressen, wenn sie schrie. Das Schreien machte mich aggressiv und ich fühlte mich oft hilflos, wenn es einfach nicht aufhören wollte, aber ich wollte und durfte das nicht an ihr auslassen. Das „Zähne zusammenbeißen“ war ein Kompensationsversuch, den ich zwar irgendwann später bemerkte, aber nicht mehr los wurde. Heute habe ich CMD und dadurch Dauer-Verspannungen im Kiefer-Kopf-Bereich. Die Herausforderung Elternschaft hatte also direkt konkrete physische Konsequenzen und ich wette, beinahe jedes Elternteil könnte ähnliches berichten.

Ich empfand (und empfinde) das Zusammensein mit meinen Kindern oft als anstrengend, das habe ich hier mehr als einmal beschrieben. Ich wollte aber von Anfang an nicht die Kinder dafür beschuldigen. „Ja, Elternsein ist anstrengend.“ Aber die Kinder dafür verantwortlich zu machen, fühlte sich trotzdem nicht richtig an. Also: Who’s to blame? Ich suchte in meiner Psyche, meiner Kindheit, meiner Persönlichkeit, meinem Temperament. Ich las Blogartikel, Bücher, schrieb in Foren, sprach mit Eltern, … Aber ich fand die Aspekte der Überforderung und der Anstrengung so selten in den Erzählungen und Beschreibungen anderer Eltern(blogs), erlebte das aber selbst alltäglich so. Das fütterte meine Schuldgefühle.

Es muss an mir liegen. Alle anderen kriegen das schließlich hin.

Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft. Und irgendwie emanzipiert. Die Kommentare unter Artikeln (z.B. hier) und einschlägige Feuilleton-Beiträge (wie hier oder hier), in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? (Bis man unter einer CMD leidet?) Was, wenn die Kinder von der Überforderung und der Genervtheit lesen, wird dann gerne gefragt. (Schlechtes Gewisseeeeen, hallooooohoo!) Warum auch noch darüber schreiben, es rausposaunen? Ich kann hier nicht mit guten Argumenten punkten, fürchte ich. Ich hatte (habe) das Bedürfnis, diese Wahrheit – meine Wahrheit – mitzuteilen, weil ich den Eindruck hatte/habe, dass es eine unterbelichtete ist. Und weil mich „Scheinwelten“ ankotzen. Das war schon immer so. Sowas durchbreche ich gerne. Mit Ehrlichkeit, mit Offenheit, mit Einblicken.

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.

Was ist denn richtig? Kann mir mal irgendjemand sagen, wie ich mich verhalten soll? 

Natürlich gibt es darauf heute keine allgemein gültige Antwort mehr.

Ich will meinen Kindern eine „gute Mutter“ sein, will ihnen nicht (psychisch) schaden… Aber wie kriege ich das hin? 

Ich wusste Bescheid über den Einfluss der Eltern auf die „psychische Gesundheit“ von Kindern, die Bedeutung der frühen Kindheit, Bindungstheorien usw. – studiere ja schließlich Erziehungswissenschaft! Das setzte mich noch mehr unter Druck. Ich hatte andauernd das Gefühl, diesen (meinen) Ansprüchen einfach nicht gerecht werden zu können. Haufenweise Artikel in diesem Blog zeugen davon. (Zum Beispiel hier oder hier.) Mir ging es nicht um eine glänzende Wohnung oder den hübschesten Kuchen beim Kita-Sommerfest, sondern darum, wie ich mit meinen Kindern umgehe, was ich empfinde und wie ich denke. Und ich dachte oft „Oar nee, keine Lust jetzt!“, „Hör. auf. zu. brüllen!“, „Kann K. nicht noch länger mit ihnen draußen bleiben?“, „Ich hätte gern einfach meine Ruhe.“ oder auch „Wie wäre es, jetzt einfach ins Flugzeug zu steigen. Irgendwohin. Ich könnte ein Strandcafé eröffnen, bräuchte aber eine neue Identität.“ Und klar, schon die Gedanken fühlen sich den Kindern gegenüber total illoyal an. Ich dachte letztendlich wirklich oft, dass man vielleicht besser keine Kinder bekommen sollte, wenn man „so ein Mensch“ ist. Dass es einfach eine scheiß Idee und total unüberlegt war. Ich war sehr oft sehr verzweifelt darüber und die Schuldgefühle in jede erdenkliche Richtung wurden zu einem Dauerrauschen. Egal was ich tat, ich hatte das Gefühl, es ist nicht richtig. Ich war – ich bin – einfach eine echt miese Mutter, ich bin dafür einfach nicht gemacht, dachte ich und fühlte mich wie eine Versagerin in nicht mehr und nicht weniger als der wichtigsten Sache der Welt. Schließlich geht es hier um zwei lebendige Menschen und nicht um den nächsten Pitch.

STOP!

Ist das wirklich so „einfach“? Es gibt Menschen, die „können“ das einfach „besser“ als Andere? Geht es hier wirklich um Egoismus und Altruismus? Gibt’s Menschen, die die „geborenen Eltern“ sind und andere, die es einfach lassen sollten?

Über Generationen sah man die Schuld vor allem beim Kind und zog daraus die relativ logische Konsequenz, „hart durchgreifen“ zu müssen mit dem hehren Ziel, „vernünftige Menschen“ aus ihnen zu machen. Heute scheint mir der Zeiger in die entgegengesetzte Richtung auszuschlagen: Nicht das Kind ist Schuld, wenn was nicht „richtig“ läuft, sondern die Eltern sind es. Das baut nicht nur enormen Druck auf, sondern kann Eltern auch an den Rand der Verzweiflung treiben.

Ich weiß wovon ich spreche.

Man doktert an sich herum, analysiert die innersten Windungen, versucht krampfhaft darauf zu kommen, warum verdammt nochmal es mit der stets liebevollen Begleitung nicht klappen will. Man weiß doch alles, versteht schon längst, warum das Verhalten der Kinder einen manchmal so enorm triggert, man denkt und denkt und forscht und… es klappt einfach trotzdem nicht. Die Genervtheit und die Überforderung, der Wunsch nach Zeit ohne „Kinderdienst“, die Verzweiflung… alles bleibt – trotz der tollen Erkenntnisse – da und es bleibt nur, diese Gefühle zu unterdrücken. Oder? Gute Miene zum bösen Spiel. Es kann einen zerreißen, einerseits authentisch und echt sein zu wollen und andererseits „gute Eltern“. Was, wenn ich echt und authentisch mal ’ne echt beschissene Mutter bin? Ich bin launisch. Ich bin leicht reizbar. Ich will eigentlich nur mein Ding machen und kann kaum was anderes ertragen. Ich bin aufbrausend. Ich bin ungeduldig. Ich bin ungerecht. Undsoweiterundsofort. Im Casting für die beste Mutter der Welt würde ich nicht einmal in den Re-Call kommen. Wenn ein Vater zum Beispiel ständig wütend wird. Was macht man da? Was ist hier richtig? Die Wut ausleben, rauslassen wäre authentisch, unverstellt und echt. Die Kinder lernen ihren Vater kennen. Er ist halt Choleriker, aber immerhin ist er echt. Oder soll er seine Wut unterdrücken, muss er sich besser kontrollieren lernen? Das wäre dann nicht authentisch, aber zum Wohl der Kinder. Nur: Wie lange funktioniert das? Und was macht das mit den Kindern, wenn sie feststellen, dass der Vater die ganze Zeit mehr oder weniger Theater spielt? Gute Miene zum bösen Spiel. Ich kenne beides. Und beides ist auf je eigene Art scheiße. Ständige Wutanfälle sind scheiße. Aber zu merken, dass mit einem Elternteil was los ist, ohne dass man jemals erfährt, was, das ist nicht unbedingt besser. Also hätten beide die Verantwortung, ihren Kram aufzuarbeiten und klarzukommen? Therapie machen, rausfinden was mit einem los ist, woher die Wut kommt, Techniken erarbeiten, damit umzugehen. Fertig ist der Lack. So stellt man sich das heute gerne vor. Ist aber sehr viel leichter gesagt als getan. Ich arbeite seit Jahren hart daran, klarzukommen, um meinen Vergangenheits-Scheiß nicht an meiner Familie auszulassen. Aber es lässt sich (oder sollte ich sagen: Ich lasse mich) nur bedingt ändern. Die ständigen Schuldgefühle, das Gegrübel, die Aggressionen, die Traurigkeit, die Verletzungen, die Unsicherheit, die Bedürftigkeit, die Genervtheit… Das alles geht nicht einfach weg. Eine der Therapeutinnen bei der Mutter-Kinder-Kur, zu der ich im Februar/März mit T. war, fragte entgeistert, als ich meine krampfhaften Versuche der Auf- und Verarbeitung schilderte:

Ääääääääähm…. Vielleicht hören Sie damit mal auf?!?

Ich glaub, ich starrte ebenso entgeistert zurück. Sie erklärte mir, ihre Sicht auf die Dinge: Ich würde auch mit diesen Versuchen weiter das Muster der Selbstabwertung vertiefen, würde mich immer nur in Differenz wahrnehmen und beurteilen:

Ich. Bin. Nicht. Gut. Genug.

Bei meinen Sitzungen dort ging es folglich um Selbstakzeptanz, um Annahme und Achtsamkeit. Tatsächlich ein neues Terrain für mich. Ich wusste wohl, dass ich nicht gerade nett mit mir selbst umgehe und laute selbstkritische Stimmen in mir habe, aber ich habe nie gesehen, dass meine Versuche, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und meine Reaktionen, mein Fühlen, mein Handeln zu ändern, um meinen Kindern eine bessere Mutter sein zu können, auch in dieses Horn blasen. Das war durchaus ein Augenöffner. Ich bin tatsächlich ständig unzufrieden mit mir, sehe nur, was ich alles nicht kann, nicht gut mache, fokussiere auf die Dinge, die nicht klappen. Eine andere Therapeutin empfahl mir, mal „auf Schatzsuche“ zu gehen. Damit meinte sie einerseits, ich solle Menschen fragen, was sie an mir mögen und andererseits am Ende eines Tages aufschreiben, was gut war. Sie spiegelte mir, wie sie mich sah und ich empfand Scham und konnte ihr nicht in die Augen schauen, wenn sie was Nettes sagte. Abends schrieb ich auf, was am Tag schön/gut war und fokussierte dabei vor allem auf Momente mit T. Das war ziemlich neu und ziemlich heilsam. Ich stellte fest: So eine miese Mutter bin ich eigentlich gar nicht. Es gibt bei genauerer Betrachtung sogar ziemlich viele gute Momente am Tag. (Wer also ähnlich Probleme mit der Selbstwahrnehmung hat, dem kann ich das nur ans Herz legen.)

Das könnte jetzt hier enden. Ich will es aber hier nicht enden lassen. Denn die Frage, warum das Elternsein für viele von uns so anstrengend ist, beantwortet die Feststellung nicht, dass weder Kinder noch Eltern wirklich zu beschuldigen sind. Aber woran liegt es dann?

Ziehen wir den Fokus etwas größer und schauen uns den Kontext an: Wie leben wir allgemein? Welchen Einfluss hat die Eingerichtetheit der Gesellschaft auf unser Leben als Eltern, als Erwachsene, die mit kleinen Kindern zusammenleben und für sie verantwortlich sind?

Ich habe inzwischen auch darüber viel nachgedacht und bin damit noch lange nicht am Ende. Trotzdem möchte ich einige Gedanken mitteilen.

Zunächst ein Gedankenexperiment:

Du bist Mutter von zwei Kindern. Das jüngere ist 1,5 Jahre, das ältere 7. Du trägst dein Kind in einem Tuch auf der Hüfte und bist gerade mit anderen Menschen auf dem Weg zurück vom Früchtesammeln zum Dorf. Ihr singt und unterhaltet euch. Andere Frauen haben auch ihre Kinder im Tuch dabei, einige ältere Kinder haben beim Sammeln geholfen und rennen zwischen euch hin und her. Als ihr zurück im Dorf seid, wird von anderen bereits das Abendessen vorbereitet. Im ganzen Dorf sind die Menschen beschäftigt: Essen wird vorbereitet, an anderer Stelle werden Stellen an den Häusern verbessert, es wird geschnitzt, Schmuck hergestellt, Kleidung geflickt… Eine Gruppe Kinder badet unten am Fluss, andere hocken etwas abseits der Dorfmitte und untersuchen gespannt etwas. Du setzt dich zusammen mit einigen Erwachsenen und Kindern und beginnst, die gesammelten Früchte für das Abendessen vorzubereiten. Deine ältere Tochter kommt vom Baden nach oben und schaut interessiert zu, was ihr gesammelt habt. Dein jüngeres Kind sitzt auf dem Schoß deiner Mutter, die ein Lied anstimmt. Andere umsitzende steigen in den Gesang ein.*

Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt haben (vom Hirn her können Menschen wohl intensivere Beziehungen zu 150 Menschen pflegen)mit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten (und genau wussten, wer für was „gut“ ist – die eine spendet gut Trost, der andere weiß viel, die nächste erzählt toll Geschichten, von dem kann ich lernen, wie man schnitzt), Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich.

Mal nur fokussiert auf die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern (, das ganze Paket mit Naturnähe, Handarbeit usw. lasse ich mal außen vor): Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.)

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen kame das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)

Noch einmal ein Bild: Statt einem vielspurigen Straßennetz wird eine einspurige Autobahn immer und immer wieder befahren. Und wenn diese eine Autobahn nicht ganz in Ordnung ist, dann kracht das kleine Auto jedes Mal beim drüberfahren in das eine fiese Schlagloch. Das wird natürlich durch die Dauerbeanspruchung immer größer. Die Autobahn bekommt Risse und ist irgendwann eigentlich unbefahrbar. Aber es gibt ja nur diese eine, also wird sie weiter befahren.

Ist das Bild verständlich? Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere.

Es reihen sich ein: Ordnungsdogma, Beschleunigung, Effizienz, Schnelllebigkeit, Reibungslosigkeitskult, Störungsfreiheit, Regeln, Bürokratie, … Unvollständige Aufzählung. Ich könnte ewig so weitermachen.

Dazu kommen noch die kaum zu überschätzenden Erwartungen anderer Erwachsener. Eltern antiziperen, dass von ihnen allgemein erwartet wird, ihre Kinder „im Griff“ zu haben, „im Zaun zu halten“, sie sollen ihre Bälger bitteschön „unter Kontrolle“ haben und Störungen der Rationalität durch die quasi unerträgliche Irrationalität der Kinder auf ein nicht mehr wahrnehmbares Minimum reduzieren. Wenn Eltern das mehr oder weniger gewaltvoll versuchen, erhalten sie sowohl anerkennend-zustimmende wie ablehnende Reaktionen. Wenn sie die Kinder ihr Ding machen lassen, genauso. Wenn sie es liebevoll-bedürfnisorientiert angehen ebenfalls. (Siehe glücklich scheitern: Du bist eine gute Mutter, wenn…)

Die Idee von bedürfnis- oder bindungsorientierter Elternschaft, „Attachement Parenting“ etc. ist ansich – im Sinne des Kindes – ziemlich lobenswert. Man will das Beste für’s Kind. Wenn ich Artikel und Bücher aus dem Dunstkreis lese, nicke ich durchaus mit dem Kopf. Aber als ich dieses Differenzdenken in mir festgestellt habe – Was ich heute mal wieder nicht hinbekommen hab -, habe ich gemerkt, dass es auch solche Ideen von „guter Elternschaft“ sind, die mich unter Druck setzen und mir beständig das Gefühl geben, alles falsch zu machen. Wenn ich von dem gerade gedachten ausgehe, dann befinden sich solche Ansätze genau in dieser „Elternschuld“-Schiene. Inzwischen halte ich diese Art des Zusammenlebens mit Kindern für mich/für uns für utopisch und ich frage mich: Was bürdet man sich mit dem Versuch der straighten Kinderbedürfnis-Orientierung eigentlich auf? Es sind ziemlich heftige Ansprüche und teilweise wirklich „unmenschliche“ Erwartungen, die man da an sich selbst stellt: Quasi völlige Selbstaufgabe, Selbstunterdrückung und Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und Impulse. Extreme Reflektiertheit, in jeder Situation. Und eine unmenschliche Geduld. Ich glaube, man erträumt sich da einen Einklang von Kindern und Eltern, eine Harmonie den bzw. die ich – zumindest im Kontext unserer modernen Lebensweise – für illusorisch halte. Ich stelle mal die gewagte These in den Raum, dass das Menschen womöglich durchaus glücklich machen kann, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) ein ausgeprägtes „Helfer-Syndrom“ haben und tatsächlich ihre Erfüllung darin finden, von anderen gebraucht zu werden. (Das ist nicht abwertend gemeint, eher Ergebnis von Analyse.) Ich sehe da die Gefahr symbiotischer Beziehungen und heftiger Abhängigkeiten und frage mich: Was kommt „danach“, wenn die Kinder das Nest verlassen? Wenn die Eltern nicht mehr so sehr gebraucht werden? Was ist davon abgesehen, wenn man das einfach nicht hinkriegt, mit der Bedürfnisorientierung, dem Verständnis, der Geduld, dem pädagogisch wertvollem Verhalten? Manchmal frage ich mich außerdem, ob man auf die Kinder nicht ausgesprochen schizophren und damit auch verunsichernd wirkt, wenn man oft ganz nett und verständnisvoll reagiert, in regelmäßigen Abständen aber dann plötzlich total ausrastet, weil der Unterdrückungsmechanismus gerade mal wieder aussetzt. Ich hab das Gefühl, dann verstehen Kinder die Welt nicht mehr. Und auch das sieht man und kann es wunderbar als Anlass nehmen, noch unzufriedener mit sich selbst zu sein. Man ist ständig mit dem eigenen Scheitern konfrontiert und das kann zu wirklich ausgeprägtem Selbsthass führen. Wenn Auspeitschen noch angesagt wäre, man würde es wohl freiwillig tun. 

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben. Vielleicht kriegen wir damit auch endlich das Problem mit den Behinderten, Gestörten und generell Unproduktiven in den Griff. *ironieoff*

Also:

Liebe Eltern, 

ihr seid nicht scheiße, wenn es euch manchmal (oder auch oft) nicht leicht fällt, eure nach eurer ungeteilten Aufmerksamkeit dürstenden Kinder zu „ertragen“, geschweige denn das Ganze zu genießen. Ihr seid nicht falsch und ihr seid auch nicht persönlich schuld daran. Eure Kinder sind es aber noch viel weniger. Dass es so ist, ist bei genauerer Betrachtung der Umstände, in denen wir leben, eigentlich ziemlich logisch. Eure Verantwortung ist immens. Und dass das erdrückend wirkt, ist klar. 

Eltern! In Wirklichkeit seid ihr Superhelden! Denn ihr verlangt von euch, insofern ihr versucht, gute Eltern zu sein, quasi übermenschliches. Heute im Standardleben mit all den scheinbaren Annehmlichkeiten, all dem scheinbaren „Luxus“ und der Bequemlichkeit, all den Verführungen, all der Rationalität, all den Erwartungen und Idealen ist es tatsächlich verdammt anstrengend und beschwerlich, als Familie mit Kindern zu (über-)leben.

Was ich empfehle? Oder mir wünsche?

Empfehlen kann ich einerseits „Born to be wild“ von Herbert Renz-Polster, um Kinder in ihrem „ursprünglichen“ Verhalten zu sehen und es zu verstehen und andererseits ein bisschen richtiges Leben im falsch (ver-)suchen: Viel Zeit mit anderen Familien verbringen, immer Kinder zusammenschmeißen, andere Menschen (Großeltern!) in die Betreuung einbeziehen und zu alternativen Bezugspersonen entwickeln lassen, ein „sie können es nicht anders“-„sie macht es nicht, um mich zu stressen“-„sie ist noch klein“-Mantra gegenüber den Kindern, regelmäßiger Abstand, weniger schlechtes Gewissen wegen Glotze und Gadgets – Glotze ist die logische Konsequenz des separierten Kleinfamilienlebens – und viel Auslauf.

Wünschen tue ich mir eigentlich ein alternatives Lebensmodell. Ich habe die Stadt satt. Ich habe die Hektik satt. Gib mir 50 coole Leute mit Kindern, wir kaufen zusammen ein heruntergekommenes Haus (von welchem Geld auch immer), polieren das auf und leben zusammen, vielleicht auch teilweise als Selbstversorger. Ohne Waldorf-Hippie-Kram, ohne spirituellem Überbau und Firlefanz. Einfach nur, weil wir glauben, dass an dem afrikanischen Sprichwort 

Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

etwas dran ist. Und weil man zusammen einfach weniger allein ist.

Warum sind wir also oft genervt von unseren Kindern? Wo liegt eigentlich das Problem?

Es gehört niemand so wirklich auf der Anklagebank. Die Kinder nicht, die Eltern nicht. „Schuld“ ist niemand. Und das passt nicht zu unserem Denken, deshalb ist es so schwer zu ertragen und so unbefriedigend. Wir suchen immer nach Ursachen, Gründen, Schuldigen. Und dann müssen wir das Ausmerzen. Basta. „Schuld“ ist in diesem Fall aber, wenn man so will, „der Kosmos“, sind Zufälle, „kosmische Kräfte“, die vor 12.000 Jahren das Ende der Eiszeit einläuteten, was zu anderen, schwankenden klimatischen Bedingungen führte und die allgemein als „neolithischen Revolution“ bezeichneten Änderungen der menschlichen Lebensweise wohl bedingten. Mit der neuen Lebensweise kamen Dinge wie Produktion, Sesshaftigkeit, Bevölkerungswachstum, größere Siedlungen, später Städte, zu verwaltende Überschüsse, Arbeitsteilung, Spezialisierung, technische Innovationen, Ungleichheit, Monotheismus, du sollst/darfst // du sollst/darfst nicht… usw. usf. Das Rad der Geschichte hat sich weitergedreht und heute sind wir, wo wir sind. Die Verhältnisse haben sich geschichtlich entwickelt. Und das ist wichtig: Das, was heute als „normal“ gilt, galt nicht schon immer. Nichts ist selbstverständlich einfach so. Alles ist geworden. Und die „kosmischen Kräfte“ lassen sich nicht ausmerzen.

Ich glaube nicht, dass es einen (gesamtgesellschaftlichen) Weg zurück gibt. Das lähmt manchmal meinen Aktionismus. Wir können das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, alle „Fortschritte“ vergessen und alles auf Anfang setzen. Vielleicht leider. Vielleicht zum Glück. Auch entweder-oder, schwarz-weiß, optimal-suboptimal sind nur Kategorien menschlichen Denkens, die es so „natürlich“ gar nicht gibt. Das Leben in Jäger-Sammler-Clans ist nicht optimal. Das Leben heute ist nicht optimal. Gibt es nicht, gab es nie, wird es nie geben. Jäger-Sammler-Clans funktionieren z.B. über straighte Traditionen, mit Frauen wird oft wohl nicht gut umgegangen, und dass es wohl kaum Alternativen, keine freie Wahl der Leute und des Lebensmodells gibt, ist schwer vorstellbar und schwer gut zu finden. Aber ob „homo oeconomicus“ wirklich eine smarte Alternative ist?

Wir reden über fucking Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über regretting motherhood, über Einzelphänomene und verlieren dabei den Blick für größere Zusammenhänge. Wenn ich diesen Gedanken nachgehe, kommen mir viele Debatten und Themen so unwesentlich vor. Frauenquote, Frauen früher in den Job zurück, Karriere, Vereinbarkeit, Brei oder nicht, U-Untersuchungen, Kinderwagenmarken, … Das ist hinsichtlich dessen, wo ich die wirklich tiefgreifenden Probleme verorte einfach nicht entscheidend. Die Gedanken mögen realitätsfern wirken, aber für mich sind sie es nicht. Sie sind ein Erklärungsansatz für mein alltägliches Leiden am Familienleben in einer modernen Industrie- und Konsumgesellschaft, das ich nicht länger als individuelles Versagen beurteilen will. Mich erleichtert das irgendwie. Die Gedanken mindern zunehmend meine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, sie führen zu mehr Selbstakzeptanz und zu Verständnis gegenüber eigenen Gefühlen und Gedanken und gegenüber dem Verhalten meiner Kinder. Das ist gut. Und sie führen zu Vorstellungen von einer alternativen Lebensform, die ich vielleicht vielleicht irgendwann doch noch realisieren kann.

P.S.: Wer mit mir nach Rügen ziehen und einen auf Selbstversorgung machen will, kann sich gern melden ;-)

*
Ich glaube nicht, dass ein Leben in totaler Abhängigkeit von der Natur – also ohne Ackerbau/Viehzucht – irgendwie paradiesisch wäre. Mir ist bewusst, dass das oft ein ziemlich harter Überlebenskampf war/ist, mit Hunger, Kälte und Todesgefahr. Aber vielleicht ist – bei all der Gefahr – genau das eher „artgerecht“? Ich frage mich ernsthaft, ob Eltern indigener Jäger-Sammler-Gemeinschaften Situationen erleben, in denen ihre 2,5-jährigen Kinder auf den (Feld-)Wegen stehen und sich weigern, weiterzulaufen. (Okay, die Mutter hat vermutlich kein Laufrad, keine 3 Rücksäcke, kein Sandspielzeug, keine Verpflegung für den mindestens 15-minütigen Fußmarsch zum Kinder-/Familien-Ghetto dabei,… Aber vielleicht einen Sack mit Feuerholz.) Und „Alleinerziehende“, die auch tatsächlich allein sind, mit ihren Kindern, trifft man in solchen Sozialzusammenhängen wahrscheinlich auch eher weniger an. Vielleicht glorifiziere ich dennoch das „ursprüngliche Leben“ und vermutlich ist das latent rassistisch. Ich versuche, mich im Moment diesbezüglich weiterzubilden (Ethnologie!), erkenne aber zunehmend die absolut notwendigen Grenzen und die problematischen Aspekte. (Siehe survivalinternational.de, Gesellschaft für bedrohte Völker) Ich will hier nicht das Bild der „edlen Wilden“ reproduzieren. Ich will nur den größtmöglichen Kontrast zu unserer modernen Lebensweise zeichnen. 

Über das Leben im falschen. Mit Kindern.

(Achtung: Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch…)

Wenn ich einige der aktuellen Artikel der bloggenden Elternschaft verfolge – zum Beispiel die zu Gender-Themen von Melanie von glücklich scheitern und anderen – dann sehe ich darin ein ganz grundsätzliches Dilemma nachdenkender Eltern, was mich in meinem Leben und Denken mit Kindern total beschäftigt und bewegt. Wenn Menschen sich Gedanken über die Verfasstheit der Welt, über Gesellschaft und insbesondere die damit zusammenhängenden Widersprüche, Probleme usw. machen… Wenn Menschen spüren, dass sie nicht einverstanden sind, mit dem, was allgemein als „normal“ angesehen wird; wenn Menschen anfangen, ihren kontrovers-subversiven Überzeugungen entsprechend handeln, das heißt: leben zu wollen, dann kann das schon für den Einzelnen im alltäglichen Leben kleinere und größere Schwierigkeiten mit sich bringen. Wenn die, die sich vegan ernähren wollen zum Beispiel feststellen, dass sie nicht mehr „mal schnell“ was einkaufen (weil überall Milch-Ei-Honig-Tier drin ist) und schon gar nicht was beim Pizza-Dienst ordern können („Vegan? Ja, Mozzarella-Pizza, Pizza vier Käse könnt ich Ihnen…“ -_- ) und auch das gemeinsame Essen mit Freunden zu unbequemen Extra-Würsten führt („Ich ess einfach nur Kartoffeln, schon okay.“) oder wenn man sich fragt, ob man mit dem Typen, der früher mal Nazi war, wirklich versuchen will, klarzukommen… Es gibt zig relevante Themen, auf die das zutreffen kann: Wie sehr stehe ich für meine grundsätzlichen Überzeugungen ein und wie weit gehe ich damit? Wer kritisch ist, wer nicht mehr einfach mitschwimmen will, gibt freiwillig Bequemlichkeit ab, macht sich zum Außenseiter. Was bedeutet das aber, wenn Kinder dazukommen? Wenn aus kontroversen Einzelmenschen Familienmenschen werden? Wie ist das und was bringt es mit sich, wenn deine Überzeugungen und die damit einhergehenden Entscheidungen nicht mehr nur für dich relevant sind, sondern auch für deine Kinder? Ich sag’s mal mit Facebook: Es ist kompliziert.

Spätestens wenn du Kinder hast, kommst du um große Teile der „normalen“ Gesellschaft einfach nicht mehr herum. Wenn du dich vorher noch auf ausgewählten Inseln bewegen konntest und Kontakt zur Außenwelt im Notfall auch mal vermeiden konntest, ist spätestens mit der Geburt deines Kindes und für Hardcore-Leute allerallerspätestens mit Einschulung Schicht.
Zum einen bist du mehr oder weniger auf Öffentlichkeit angewiesen (Kinderbetreuung, Spielplätze, andere Eltern und Kinder), zum anderen ist es fraglich, ob es „richtig“ bzw. „gut“ wäre, deinem Kind aufgrund deiner persönlichen Ansichten Dinge vorzuenthalten (Kinderbetreuung, andere Eltern und Kinder… Fleisch, Gender-Spielzeug, Plastik, Regelschule, Noten, …).

Das „Leben im Falschen“ mit (meinen) Kindern empfinde ich zum Teil wirklich als große Herausforderung, weil ich so oft nicht weiß, wie ich zwischen meinen kritischen Gedanken (und denen anderer) und den Anforderungen des Elternalltags überhaupt „richtige“ oder zumindest „gute“ Entscheidungen treffen kann und soll. Das empfand ich schon als schwierig als es nur mich allein betraf und finde es jetzt umso schwerer… Ich bin Idealistin… vielleicht streckenweise auch Utopistin und ab und zu, mal mehr, mal weniger Pessimistin. Ich sehe die Welt manchmal ganz schön schwarz und ich finde so viele erdrückend überzeugende Gründe dafür… Und dann sind da diese Kinder, die so herrlich neugierig sind… die so eifrig dabei sind, die Welt, die ich so zum Kotzen finde, zu erforschen und kennenzulernen.

Elternschaft kann so schmerzhaft sein, weil ich mich manchmal frage, wie man es eigentlich – als kritisch denkender Mensch – rechtfertigen kann, in diese Welt Kinder zu setzen. Die Wirklichkeit wird… muss ihnen irgendwann ihre Herzen brechen. Sie wird ihnen weh tun ich werde das nicht verhindern können. Und Elternschaft kann so herrlich sein, weil Kinder dich die Welt (Achtung! Klischee und Kitsch!) mit anderen Augen sehen lassen und dich (wieder) für Kleinigkeiten und Momente begeistern können… weil du das Schöne der Welt mit ihnen wiederentdecken kannst, falls du es auf deinem Weg verloren haben solltest. Elternschaft kann so anstrengend sein, weil Kinder so kackn fordernd sein und dich psychisch und physisch an deine Grenzen bringen können. Eins ist Elternschaft aber ziemlich sicher: Eine absolut ganzheitliche Erfahrung.

Manchmal habe ich das Gefühl, seit ich Mutter bin, sehe ich die ganzen Widersprüche, Risse und Probleme noch viel deutlicher… Manche werden mir auch erst dadurch wirklich klar…

… Weil ich so viele Menschen kennenlerne, die mitschwimmen, die mitmachen beim Wettlaufen, die ihre Kinder schon von kleinauf (über-)fördern, um sie „fit“ zu machen für die Zukunft, damit sie auch ja vorne mit dabei sind, bloß nicht absteigen, bloß nicht „schlechter“ sein… und es dabei absolut gut meinen.

… Weil ich mich selbst ständig frage, was für meine Kinder gut ist und sehe, was heute als „normal“ empfunden wird. Erziehe ich sie zu „guten“ Menschen (in meinem Sinne) oder zu Menschen, die (jetzt und später) mithalten können? Anpassen und funktionieren, mitmachen, gefällig sein oder sich widersetzen, es anders machen??

… Weil ich die Kinder nicht auf eine Regelschule schicken will, sondern auf eine frei-demokratische und es dafür zig gute Argumente gibt, ich dann aber doch wieder unsicher bin, weil ich mich frage (und gefragt werde), ob eine Schule (und Schulfreunde!) im direkten Umfeld nicht vielleicht doch besser wären und überhaupt… ist die „heile Welt“ in einer alternativen Schule ja schön und gut, aber auch die entlässt die Schüler danach in die „fiese Realität“ und gewappnet sind die Kinder dafür dann vielleicht wirklich nicht… Ist der Aufprall dann nicht umso härter? Hat sich meine Widerstandsfähigkeit nicht gerade in der Regelschule herausgebildet? Macht diese Reibung am System nicht vielleicht sogar Sinn, wenn das Ziel eigenständiges Denken ist?

… Weil ich mich dabei erwische – immer und immer wieder – wie ich mich insgeheim Dinge frage wie „Müsste er mit 15 Monaten nicht langsam mal ein Wort sagen?“ und mich nur zu gut an meine Angst erinnern kann, wir könnten ein Kind mit Beeinträchtigung bekommen… Und an den Moment der unerwarteten Enttäuschung als die Ärztin sagte, Nummer 2 würde ein Junge werden und ich sofort dachte „Jungs sind doch so… (wild, Oberlippenflaumig, …)…. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich selbst bin durchdrungen vom Zeitgeist und ringe ständig mit ihm…

Die Probleme und Widersprüche werden für mich so offensichtlich, weil ich einfach ständig mal mehr, mal weniger weit reichende, aber oft grundsätzliche Prinzipen betreffende und über mich hinausreichende Entscheidungen zu treffen und dabei oft ein echt ungutes Gefühl habe. Weil ich einfach nicht weiß oder anders… gerade weil ich weiß, dass es keine wirklich richtigen Entscheidungen gibt, solange die Welt so falsch ist wie sie ist.

Wenn die Welt widersprüchlich ist, dann nützt mir mein „Bauchgefühl“ einen Scheiß. Solange die Welt insgesamt so Mist ist wie sie ist, werden die meisten meiner Entscheidungen von Bauchschmerzen begleitet sein, denn das ist ja gerade mein grundsätzliches Dilemma: Bei allem (stetig wachsenden) Bewusstsein und Unwohlsein bezüglich der Verfasstheit der Welt will ich für meine Kinder dennoch das Richtige, ich will das Richtige im falschen. Das ist irrational und paradox, aber ich kann es nicht ändern… Kritische Eltern haben es so gesehen ständig zu tun mit paradoxen Gefühlen und Entscheidungen.

Ich wünsche mir für meine Kinder Glück und nur das „Beste“. Und ich wünsche mir zugleich, dass sie reflektierte und kritische Menschen werden. Das macht aber nicht glücklich. Das weiß ich aus (zum Teil äußerst schmerzlicher Erfahrung) selbst.

Ich wünsche mit für meine Kinder „Wohlstand“ und Sicherheit. Und weiß dabei aber, dass dieser Wohlstand hier auf himmelschreienden Ungerechtigkeiten basiert und das dringend anders werden muss, was wohl mit Einbußen an liebgewonnenen Bequemlichkeiten und Komfort und ja, vielleicht auch Sicherheiten für die Bewohner der Industriegesellschaften einhergehen würde.

Ich will warme Jacken, meine Kinder sollen nicht frieren und ich weiß dabei, dass die mit Mist gefüttert sind und unter übelsten Bedingungen produziert wurden.

Ich finde Gender-Spielzeug auch vom Verstand durchaus problematisch und erfülle trotzdem den Wunsch meiner Tochter nach Glitzerschuhen zu Weihnachten und belehre auch bisher keine/n, die/der ihr genderisiertes Zeug schenkt.

Ich sehe Weihnachten durchaus kritisch, weil damit im Rahmen einer für mich problematischen Religion ein Ereignis zelebriert wird, an das ich nicht im entferntesten glaube und es davon abgesehen zum standardisierten Konsumfest „verkommen“ ist. Und trotzdem feiern und konsumieren wir mit. Weil ich dieser Aufregung, der Besonderheit, dem Ausnahmezustand, der „Magie“ nicht widerstehen kann und ich auch gar nicht wüsste, wie ich P erklären soll, dass Weihnachten bei uns ausfällt. Im Kindergarten wird gefeiert, die Gesellschaft feiert. Weihnachten feiern ist die Norm(alität)…

Ich finde problematisch, Tiere zu essen. Ist es okay, meine Kinder vegetarisch zu ernähren? Fehlt ihnen dann was? In der Kita gibt es aber Fleisch. Plastik ist Mist. Aber selbst wenn ich versuchen würde, darauf zu verzichten, von „außen“ würde es trotzdem irgendwie hier ankommen. Also könnte ich nur „das außen“ vermeiden. Das wäre konsequent. Aber wäre es „gut“? Merchandising-Artikel von Walt Disney, Filly-Pferde, Pferde ganz allgemein, Einhörner, Prinzessin Lillifee… Finde ich alles ätzend und eigentlich nicht unterstützenswert. Und für mich kann ich entscheiden, dass ich das ablehne. Aber was ist mit meiner Tochter, die das Zeug toll findet, bei ihren Freundinnen sieht?

Kinder wollen auch… Kinder wollen mitmachen, dabei sein… Das dürfte es sein, was es kritischen Eltern so schwer macht, kritische Haltung und Leben mit Kindern zu vereinbaren. Wenn wir erwachsen werden und mit (kritischem) Denken anfangen, können wir uns auf Basis unseres Nachdenkens dafür entscheiden, nicht mehr mitmachen zu wollen. Damit machen wir uns freiwillig zu Außenseitern. Ich behaupte mal: Kinder wollen keine Außenseiter sein. Damit umzugehen und mit den Widersprüchen zu leben ist eine echt große Herausforderung für mich und ich fühle mich von Zeit zu Zeit wie die Personifikation der Inkonsequenz. Trotzdem will ich weder meine kritische Haltung, noch das „Nachgeben“ aufgeben… Und lebe es zusammen. Irgendwie. Bin politisch, studiere etwas, was ich mit meinen Überzeugungen vereinbaren kann… Kaufe hier und da eine Filly-Pferd und hadere, zweifle, hinterfrage, reflektiere… habe Bauchschmerzen und dabei eine Träne der Rührung im Knopfloch, wenn P mit strahlenden Augen angerannt kommt, mich drückt und abknutscht, weil ihr endlich ein sehnlicher Wunsch erfüllt wurde.

Diese Geschichte löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Sie ist vielmehr wie das Leben selbst: Widersprüchlich, paradox, problematisch… aber ziemlich ganzheitlich und echt.