Du darfst kein ROSA mögen!

Anlass des heutigen Geschröbs: Mein Tochter wird bald 4 Jahre alt. Sie liebt rosa und Glitzer und Einhörner und (wirklich!) die ganze verdammte rosarote Mädchenträume-Klischee-Palette. Sie trägt schon seit geraumer Zeit ausschließlich (und das meine ich wortwörtlich!) Kleider. Immer. Nur. Kleider. Weil (Zitat!) „sonst sehe ich nicht schick aus“ — ZONK! —

Genderneutralität oder zumindest -Bewusstsein sieht anders aus.

„Ohhhh… Muss das sein?“ denke (und sage) ich, wenn sie beim Einkaufen eine FillyPferde- oder Lillifee-Zeitung – was ist eigentlich ekelhafter? – in den Einkaufswagen schmuggelt. Und klar: Die Zeitungen wurden vorher von ihr natürlich ausgiebig hinsichtlich des größtmöglichen Schrott-Gadgets untersucht. Ein rosarotes GlitzersteinchenHännnndiiiie zum Beispiel. Oder pinker N-A-G-E-L-L-A-C-K. Oder Haarzeug. Oder Schminke. Oder irgendwas anderes Beklopptes.

Problem: Meiner Tochter kann man mit sowas tatsächlich eine Freude machen. Ist es denn eins? Also ein Problem? Hm…

Ich erwische mich schon dabei, wie ich mir unterbewusst denke, dass es irgendwie schön wäre, wenn sie etwas weniger dem Überklischee Mädchen entsprechen würde. In den ersten zwei Jahren ging das noch super, sowohl von den Klamotten her, als auch vom Spielzeug und Verhalten. Spätestens seit dem Kindergarten hat sich das geändert. Spätestens als die beste Freundin FillyPferde mitgebracht hat und die ersten Prinzessinnen-Märchen interessant wurden.

Exkurs: Warum ich das erstrebenswert finde?

(Mit „das“ meine ich sowas wie Gender-Bewusstsein… Also ein Bewusstsein darüber, dass Geschlechterrollen nicht in Stein gemeißelt, sondern Konstrukte – mit einer bestimmten historisch gewachsenen und allgemein gesellschaftlichen Bedingtheit – sind und dass davon abgesehen Individualität und Vielfalt gut und m.E. erstrebenswert sind.)

Weil wir in einer Konsum-Welt leben und naja… Unternehmen wollen Kohle machen, oder? Nicht immer sind die Leute, die die Kohle verdienen, gute Leute. Diese Leute beschäftigen Marktforscher, Marketer usw., die herausfinden sollen, was die „Kunden“ wollen. Damit sich der Schrott gut verkauft. Also gibts für Mädchen pink-glitzer-holysweetness-pferde-Plunder und für Jungs grau-blauen-Auto-toughsport-Kram. Weil die es (angeblich) so wollen und weil es so zu sein hat. Und dann wird die entsprechende Werbung geschaltet. Die Mädchen mit dem Mädchenkram, die Jungen mit dem Jungskram. Und damit produzieren H&M und C&A und Ernstings und Lego und wie sie alle heißen geschlechterbedingt unterschiedliche Begehrlichkeiten und festigen die Rollenklischees. Und Klischees nerven, weil sie eben Klischees sind und Vielfalt im Weg stehen. Das ist in etwa so super wie ne Reihenhaus-Siedlung. Kurz gesagt: Hat nichts mit Individualität und so zu tun. Ich will eigentlich nicht, dass meinen Kindern ein bestimmtes „So musst du als Mädchen/Junge aussehen, dich anziehen, spielen, sein“ infiltriert wird – und schon gar nicht von der Werbung. Denn was damit (Klamotten, Werbung, Spielzeug, Erwartungen) transportiert wird ist schon weitreichend: Jungs sind stark, sportlich, kämpferisch. Mädchen sind süß, nett und adrett. Jungs = Betonung der körperlichen Stärke, Mädchen = Betonung des „Hübschseins“. Insbesondere letzteres halte ich für hochproblematisch. Ich hab selbst echt Komplexe, die mich tierisch nerven, und ich möchte, dass es meinen Kindern diesbezüglich mal anders geht. Soviel dazu, nichts Neues, das. Aber der Vollständigkeit halber sei es erklärt.

Genau am „Ich möchte nicht, dass meinen Kindern ein ’so musst du als Junge/Mädchen sein‘ infiltriert wird“ hängt sich das hier auf. Mir ist es also irgendwie ein Dorn im (ehemaligen Punker-)Auge, dass mein Kind schon mit knapp 4 Jahren ein bisschen so aussieht und sich verhält wie eine… jaaaaaa… wie „eine Tussi“. Manchmal sehe ich dann eine rumtakelnde, überschminkte 15-jährige vor meinem inneren Auge genervt die Augen verdrehen, weil ich ihr das falsche verdammte Smartphone zum Geburtstag geschenkt hab. (Ich habe wirklich ein Problem mit nervig-oberflächlichen Leuten, die ihre hirnlose, vorrangig aus Schminke, Shopping und Unterhaltung genährte Haltung zur Welt mit allzu viel Stolz vor sich her tragen.) Und dennoch glaube ich: Dieses Denken meinerseits zeigt etwas, was viel entscheidender ist als die Frage, ob meine Tochter sich in Kleid oder Hose wohler fühlt. Es entblößt MICH.

Denn: 1. ist „Du sollst doch nicht so (ein typisches Werbe-gesteuertes Püppchen) sein“ im Endeffekt nur eine andere Variante von „So musst du als Mädchen/Junge aussehen, dich anziehen, spielen, sein“ und hat auch nicht viel mit individueller Entfaltung und „ich liebe dich, weil du bist, nicht wie du bist“ zu tun. Denn auch rosa Kleidchen und Glitzerkram zu mögen, gehört zur Vielfalt. (Im übrigen schlug ich als Kind wohl in die gleiche Kerbe) und 2. zeigt das, dass es nach wie vor eine viel zu große Rolle für mich zu spielen scheint, was die Anderen von mir, von uns denken. Zwar auch wieder im Sinne eines Gegenentwurfs (nicht angepasst, nicht nett und freundlich und ganz bestimmt nicht rosa-doof), aber ist das denn wirklich so anders als die, die mühsam an einem kleinen Minimodel feilen? Genau DAS steckt nämlich dahinter: Die Anderen sollen nicht denken, dass meine Tochter „eine Tussi“ ist. Wenn man noch etwas mehr elterliche Fürsorge hineininterpretiert, könnte man noch „…damit sie sie nicht deswegen doof finden“ als Zusatz gelten lassen.

Das ist nicht gut!

Zu meiner Verteidigung sei erwähnt: Ich torpediere das nicht. Also ich bin mir schon darüber bewusst, dass das ihr Ding ist. Ich mach ihr die Haar und… ich bringe ihr ab und zu Zeug mit, von dem ich weiß, dass sie sich den Hintern darüber wegfreut. Wenn ich will, dass meine Kinder sich so frei wie möglich entwickeln können, dann gehört dazu wohl vor allem auch die Akzeptanz von Dingen, die ich lieber anders hätte. Da kommt ganz garantiert noch „Schlimmeres“.

Manchmal frage ich mich, wie man damit zB bezüglich der Geburtstagsgeschenke und Klamottenbeschaffung umgeht. Kompromisse? Selbst bestimmen? Ganz nach ihr richten? Wie fänd ich es, wenn mir mein Freund zum Geburtstag eine seltene Münze schenken würde (seinerseits Numismatiker)? Beschissen. Ich würde denken, dass er mich nicht kennt, mich und meinen Stil oder Geschmack doof findet oder ignoriert und dass seine Empathie ziemlich kümmerlich ist. Homer Simpson hat Marge mal eine Bowlingkugel zum Geburtstag geschenkt, auf der sein Name eingraviert war und die Löcher nach der Abmessung seiner eigenen Finger hatte…

Also. Dilemma? Wenn ich meinem Kind eine Freude machen möchte und mich zu diesem Zweck in sie hineinversetze um herauszufinden, worüber sie sich freuen würde und wenn das Resultat dieser Forschung (unter Gender-Aspekten) vorrangig klischeebehaftete Dinge wären… Wäre es dann gut, das bewusst nicht zu erfüllen, um die Rollenklischee-Sachen zu boykottieren? Oder schenkt man gemäß der ehrlichen Vorlieben des Kindes, seien sie nun (Gender-politisch, aber und vor allem auch für mich) korrekt oder nicht? Und wie sehr ist Ps Like und Dislike durch Werbung beeinflusst? Ich entscheide mich bisher für letzteres, fühle mich aber nicht wohl dabei, weil ich das Gefühl habe, 1. damit den Teufel zu supporten und 2. zu Ps glitzeriger „Versauung“ beizutragen. Ich meine, verdammt! Das dämliche Schwein von Prinzessin Lillifee heißt PUPSI (!) und die Trulla propagiert, dass es nichts wichtigeres und schöneres gibt, als weiße Milch mit einem Tipp des Zauberstabs rosa zu machen, weil die Welt doch viel schöner ist, wenn sie rosa ist und überhaupt ist das einzige, was eine Rolle spielt, dass alles hübsch ist. Hirnloser geht’s wohl kaum noch.

Heute morgen nach dem „Frisieren“ tänzelt P in ihrem rosa Kleid zu ihrem Vater und flötete ihm die Worte: „Papa, stimmt’s? Ich bin die Schönste von allen!“ ins Ohr. Tja, schon wieder — ZONK! — da reagier mal souverän drauf. Im Kindergarten ist das nämlich gerade DAS Thema überhaupt. Ist ja auch irgendwie logisch, denn ihre Heldinnen (Aschenputtel, Cinderella, …) zeigen ihnen genau das. Und die sind wohl mehr Orientierungsfolie für die Kleinen als uns lieb ist. Aber was soll man machen? Ich hab’s zB mit der nett gemeinten pc-Alternative „Küss den Frosch“ versucht. Keine Chance. Glitzern muss es! Schön muss es sein! Lillifee hat schon ganze Arbeit geleistet.