„Meine Kinder sind so anstrengend!“ (?)

Ich arbeite an einem Text für die Uni. Die Zeit rennt. Ich muss los. 16:00 Uhr muss ich die Kinder von der Kita abholen. Ich spüre Stress. Ich spüre Widerstand. Und ich spüre Unlust.

Sie sind 3 und 6. Menschen, die mit Kindern in dieser Altersspanne und insbesondere in der Kombination zu tun haben, werden vermutlich wissen, was das bedeutet… Es kann irre anstrengend sein, sie in diesem Alter zu begleiten. Sie sind unfassbar laut, so gut wie immer und überall. Egal wie klein oder voll der Raum ist. Sie streiten sich, sie schlagen sich, sie haben unendlich viel Energie… Dazu kommt das, was ich „Übergangssensibilität“ nennen will. Nach der Kita brauchen sie zum Beispiel eine gewissen Zeit, um sich „umzugewöhnen“: Es kommt mir vor, als müssten viele, über den Tag angestaute, weil vielleicht runtergeschluckte Frustrationen nun, da die Hafenwärterin (*zeigt auf sich selbst*) am Start ist Stück für Stück – oder alle auf einmal – herausventiliert werden. Weinen, schreien, empfindsam sein. Sie gehen auf mich los, sie gehen aufeinander los und vor allem strömt ein tosender Fluss an Wollen auf mich ein. Ein Wollen, für das in der Kita mit 200 anderen Kindern kein oder nur wenig Platz zu sein scheint und für das jetzt ausschließlich ich verantwortlich oder zumindest Ansprechpartnerin bin. Auf das ich reagieren muss. Ich, die ich auch meist einen vollen Tag voller Denk- und Kommunikationsarbeit hinter mir habe und es oft nicht schaffe, mit Gedanken, Wünschen, Bedürfnissen bei ihnen zu sein. Nicht selten überfordert mich das maßlos. Denn irgendwie geht’s mir ja gar nicht so anders als ihnen. Ich bin auch überreizt. Nur sehne ich mich statt nach Action nach Pause, nach Auszeit, Freiraum und Selbstbestimmung.

In einem Gefühlszug damit rammt mich mein schlechtes Gewissen:

„Wie kannst du nur? Es sind DEINE KINDER! DU hast dich dafür entschieden, sie auszutragen! Man muss sich vorher überlegen, ob man bereit ist, die Anstrengungen der Elternschaft zu tragen! Was meinst du, wie es deinen Kindern damit geht, dass du keinen Bock auf sie hast?“

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Kind ist und Kopf und Körper der Eltern zu fertig, zu überlastet sind. Am Nachmittag, Abend, Wochenende – eigentlich gefühlt fast immer – keine Kapazität für das haben, was Kinder an Belastung für ihre primären Bezugspersonen nun einmal bedeuten: Verfügbar sein, ansprechbar sein, Bedürfnisse sehen und begleiten, Wünsche erfüllen, diskutieren, sich einlassen, persönliche Grenzen klar machen, dabei die eigenen Altlasten reflektieren statt ausagieren – in jedem Fall: reagieren, reagieren, reagieren müssen. Manchmal ist das einfach zu viel verlangt.

Also versuche ich zu atmen, versuche zu begleiten, versuche mich nicht triggern zu lassen, heftige Emotionsäußerungen nicht zu beurteilen und da – präsent – zu sein. Je nach Tagesform gelingt mir das mal mehr… und oft eher weniger.

Da sind wir nun also. Allesamt fertig von unseren vollen Arbeitstagen. Denn klar: Auch ein Tag in der Kita ist Arbeit, ist anstrengend, ist voller Input und Regulation, voller Reagieren, sich zurücknehmen, Regeln einhalten, Rücksicht nehmen müssen – kurz: Voll Sozialität. Und die geht nun einmal nicht auf in dem, was der einzelne Mensch will. Und gerade nicht, wenn es sich dabei um junge Menschen handelt, deren Bedürfnisse und Wünsche häufig nicht nur anklopfen, sondern sich stürmend und ununterdrückbar ihren Weg nach außen zu erstürmen versuchen.

Da bin ich nun also. Mit meinem großen Rucksack an Altlasten, an Triggerpunkten, die durch meine Kinder so heftig gereizt werden, wie sonst nur in Beziehung zu meinem Partner.

Und ich weiß, dass es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre (und ist), scheiße, genervt, ungerecht, gereizt gegenüber Kindern zu sein, einfach weil sie sich „altersgemäß“ verhalten. Wir Erwachsenen erwarten – oder wünschen – ständig zu viel von ihnen: „Sei doch mal nicht so laut!“, „Hör doch mal auf, so rumzuzappeln die ganze Zeit!“, „Musst du bei jeder kleinen Sache gleich so rumschreien?“, „Hör doch mal auf, deinen Bruder zu provozieren!“, „Nein, du kannst jetzt nicht…“, „Nein, wir können jetzt jetzt nicht…“, „Musst du immer…?“, „Kannst du nicht einfach mal…?“

Dabei müssen Kinder – in einer rational eingerichteten Welt – eigentlich „nerven“. 1. Steht ihr kindliches Sein so ziemlich allem, was eine rational geprägte Erwachsenensicht ausmacht, entgegen. Und damit unseren Routinen, Gewohnheiten und Erwartungen. Und nicht zuletzt: Unserer Bequemlichkeit. 2. bleibt ihnen gar nichts anderes übrig als lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Sonst laufen sie ja – angesichts des Machtgefälles zwischen Kindern und Erwachsenen in einer adultistischen Welt – ständig Gefahr, dass ihre Bedürfnisse – dass sie – übersehen werden. Mir kommt es manchmal so vor als würde es im Leben eines Heranwachsenden eigentlich ständig darum gehen, die eigene Stellung zu behaupten. „Ich bin wichtig! Übersieh mich nicht!“ Und das ist vollkommen verständlich! Es ist nicht fair, sie dafür verantwortlich zu machen, sie dafür schuldig zu sprechen und unsere Erwachsenenüberforderung ungebremst und unreflektiert an ihnen auszuagieren. Soweit der Verstand. Aha, aha… Got it!

ABER: Es verlangt mir so irre viel ab! Die Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle und Selbstdisziplin, die dazu nötig ist, muss man erst einmal leisten können. Besonders dann, wenn man eh schon überfordert ist…

Nun könnte man natürlich entgegnen – und nicht wenige tun das -, dass die Erwachsenen die Verantwortung zu tragen hätten. Dass man sich das – Hallo innere Stimme! – halt vorher überlegen müsse, bevor man „Kinder in die Welt setzt“. „Das weiß man doch!“ Ganz ehrlich? Ich wusste es nicht. Ich hab es so nicht kommen sehen. Ich wusste nicht, worauf ich mich da wirklich einlasse. Was es bedeutet als Eltern mit Kindern seine Tage zu bestreiten. Ich wusste nicht, wie das für mich sein würde, wie ich drauf sein würde, wie ich klarkommen würde. Und ich behaupte: Niemand kann das vorher wirklich wissen. Deshalb halte ich diese vorwurfsvolle Polemik für Schwachsinn! Selbst wenn man sich halbwegs informiert und vorbereitet fühlt und den Eindruck hat, man weiß so in etwa, wie man drauf ist und wie das so wird als Eltern…. Vergesst es einfach! Wisst ihr nicht! Könnt ihr gar nicht.

Und nun? Das Zusammensein mit Kindern ist für Erwachsene oft anstrengend. „Kinder nerven“. Aber wie klären wir die Schuldfrage?

Ich halte nichts von dem Weg, die Schuld auf dem Rücken der Kinder abzuladen, den leider noch immer sehr viele Erwachsene zumindest handelnd verofolgen. Gar nichts! Sie sind eben heranwachsend, müssen das meiste erst im Lauf ihres Heranwachsens lernen – mussten wir alle. Das gilt insbesondere für sowas wie Impulskontrolle,  Frustrationstoleranz, soziale Rücksicht – kurz:  „Gesellschaftsfähigkeit“. Und genau das sage ich P. zum Beispiel auch. „Als ich noch ein Kind war, habe ich mich auch immer total geärgert, wenn ich beim Spielen verloren habe. Ich habe sogar Spiele durch den Raum geschmissen, so wütend und traurig war ich…“ Ich merke immer, wie sich P. fast augenblicklich entspannt angesichts solcher Erfahrungsberichte, die ihr (hoffentlich) etwas von dem giftigen Eindruck nehmen, dass sie in ihrer Emotionalität irgendwie nicht in Ordnung ist. „Das wird sich nicht immer so doll anfühlen, das wird besser. Die meisten Menschen müssen das üben und lernen es mit der Zeit. Ich hab’s auch gelernt, heute stört es mich gar nicht mehr.“ Manchmal sagt sie dann kleinlaut: „Ich habe Angst, ich werde das nie lernen, Mama.“ oder auch „Da ist einfach so ein Wirrwarr in meinem Kopf und das kommt dann einfach so raus.“

Einen aushaltbaren und akzeptierten Platz im großen Spannungsfeld von Individuum (Was will ich? Was sind meine Bedürfnisse? Wie bin ich drauf?) und Gesellschaft (Welches Verhalten ist auch für meine Mitmenschen auf Dauer zumindest halbwegs erträglich?) zu finden halte ich für eine der größten Herausforderungen menschlichen Seins in stark rationalisierten, technologisierten Gesellschaften. (Nur die kenne ich, über andere mag ich mir diesbezüglich kein Urteil erlauben.) Das können und dürfen wir nicht einfach von Kindern erwarten und voraussetzen. Das meine ich, wenn ich sage, dass es „normal“ und völlig logisch ist, dass Kinder oft „nerven“ und von uns als anstrengend empfunden werden. Verdient haben sie deshalb vor allem: Unser Verständnis. Und unser Mitgefühl.

Trotzdem halte ich auch nichts davon, alle Schuld und Verantwortung diesbezüglich den Eltern zuzuschieben. Es verlangt ihnen – uns – in dieser Gesellschaft schlichtweg verdammt viel ab als Familie mit kleinen Kindern zu leben und klarzukommen.

Mein Problem ist, dass ich – wenn ich ehrlich bin – fast immer mehr Lust auf andere Dinge hätte. Und das tut mir leid und es tut mir weh. Ich will das nicht. Aber es ist die – meine – traurige Wahrheit. Und nein, das habe ich verdammt nochmal so nicht kommen sehen. Es ist selten, dass ich mir kurz vor der Abholzeit denke „Ach, was freue ich mich auf meine Kinder.“ Meist denke ich eher „Was? Schon wieder sind die Betreuungsstunden aufgebraucht? Verdammt!“ Fast alles, was ich wirklich gern mache, ist leider ziemlich Kinder-inkompatibel: Schreiben, lesen, denken, Musikhören, mit dem Rad um den See fahren, mich bilden, abends ausgehen… All das mache ich einfach sehr viel lieber als zum Beispiel meine Kinder von der Kita abzuholen, heftige Emotionen und Streits zu begleiten, Eis essen zu gehen, auf dem Spielplatz rumzuhängen oder oder oder…  Ich versuche mittlerweile, mit ihnen Dinge zu machen und unser Leben so einzurichten, dass wir alle es genießen… Aber oft haben die Kinder einfach so ganz andere Böcke als wir Erwachsenen. Deshalb versuche ich vor allem, mich so oft wie möglich mit anderen Familien zusammenzutun. Verdient haben wir vor allem: Unser Verständnis. Und unser Mitgefühl. Für uns selbst und alle anderen, die mit uns im selben Boot moderner Elternschaft sitzen!

Und (Überraschung!) darauf läuft die „Schuld“-Frage letztendlich für mich auch hinaus:

BLAME THE SYSTEM!

In Zeiten, in der Kleinfamilien die Norm darstellen und jede Familie abgetrennt in ihrer Einzel-Parzelle lebt und haushaltet, sind Eltern so ziemlich alles, was in Formen gemeinschaftlichen Lebens von verschiedenen Personen erfüllt würde: Mutter, Vater, Tante, Onkel, Cousin, Cousine, Großeltern, Heilerin, Gesprächspartnerin, Spielpartnerin, Tröstende, Geschichtenerzählerin, Pädagogin, Ernährerin, und und und… Wir müssen einfach viel zu viele Rollen ausfüllen. Und das neben unserem „anderen“, also  neben dem „vielen vielen Anderen“, was wir noch so im Leben tun. Das kann gar nicht funktionieren!

Dazu könnte man nun sagen:

„Trotzdem tragt ihr Eltern die Verantwortung! Ihr könntet ja einfach weniger arbeiten, ihr könntet reduzieren, ihr könntet (und solltet) eure Altlasten aufarbeiten und einfach mal klarkommen, Prioritäten klar (auf eure Familie) setzen, andere Dinge rausschmeißen und mit anderen Menschen in ein Gemeinschaftsprojekt ziehen, wenn ihr das für die Lösung haltet.“

Da mag irgendwie was dran sein. ABER! Ein gemeinschaftliches Hausprojekt auf die Beine zu stellen – dafür braucht man – neben der passenden Gemeinschaft – Kohle, Raum, Energie und Zeit. Ich habe seit der Geburt meiner Kinder mit so vielen Familien gesprochen, die sich gern mit anderen Familien zusammentun möchten. Die meisten haben ja ähnliche Probleme! Aber es entspricht einfach nicht dem, was in Städten Wohnungsbau-mäßig in großem Stil angedacht und geplant ist. Das ist – abgesehen von Einzelprojekten – einfach nicht vorgesehen… Darauf ist unsere neokapitalistische Gesellschaft, in der es nun einmal vorrangig um individuelles Kapital geht, nicht ausgelegt. Ich habe (gerade) weder Geld, noch Zeit, noch Raum dafür. Leider. Menschen habe ich. Und Visionen. Zur Genüge. Aber ich fühle mich diesbezüglich wie gelähmt und weiß nicht, wie ich aus meinem eh schon sehr vollen Alltag noch Kraft und Zeit dafür herausschälen soll. Obwohl ich es mir so sehr wünsche und für das richtige halte. Das macht mich traurig. Ich finde, gemeinschaftliche Wohnprojekte sollten viel stärker unterstützt und supportet werden – von Kommunen, Ländern, dem Bund. Es wäre eine Win-Win-Win-Win-Situation. Dafür müssten Menschen sich stark machen. Und ich würde das gern tun… Aber ach, auch dafür bräuchte es wieder die gerade genannten Ressourcen. Und an denen – merkt ihr was? – fehlt es ja gerade, weil es keinen Support für gemeinschaftliches Familien-Wohnen gibt, alle sich einzeln abstrampeln müssen… und nicht wenige psychisch und/oder physisch daran kaputt gehen. Energie für gesellschaftspolitisches Engagement? Woher sollen Eltern die nehmen? Meist reicht’s ja nicht einmal für den Elternrat. Überall diese Geschafftheit, diese Gereiztheit. Überlastung in den elterlichen Gesichtern und Körpern. *seufz* Mich deprimiert das.

Und was ist mit Reduktion und Aufarbeitung? Achtsamkeit? Prioritäten? An den ersteren arbeite ich, mehr oder weniger. Dem Familien-„Caring“ aber absolute Priorität einzuräumen halte ich für problematisch. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Habe ich! Nach der Geburt von P. hatte ich 1,5 Jahre Elternzeit, und sonst (fast) nichts anderes. Das war für mich fast traumatisch. Die Einsamkeit. Die Eintönigkeit. Das Hamsterrad. Der fehlende Input. Ich bin fast daran kaputt gegangen. Auch deshalb habe ich es nach T.s Geburt anders gemacht, saß einige Wochen nach der Geburt wenigstens an einem Tag in der Woche wieder in der Uni. Und ich habe es genossen.

Ende der Geschichte?

Wir leben also in dieser – ich sage mal – spannungsreichen Situation. Und wir versuchen sie täglich zu handeln, auszuhalten, mit ihr umzugehen. Das bedeutet, immer wieder auszutarieren, zu balancieren, zu organisieren. Es verlangt der Beziehung von K. und mir viel ab: Kommunikation, Bedürfnisse äußern, Freiräume sichern. Hilfe und Entlastung holen. Andere in die Zeit mit den Kindern einbeziehen. Ab und zu ausbrechen. Selbstreflexion und – erkenntnis. Bewusster Umgang mit den Kindern und mit den inneren Stürmen. Auch mit ihnen reden. Ehrlich sein, ohne zu verletzen. Nach wie vor eine meiner größten Herausforderungen. Ich will ihnen nicht das Gefühl geben, dass sie mich nerven. Und dennoch fühl ich mich oft überlastet und genervt. Aber daran sind nicht sie schuld und dafür sind sie nicht verantwortlich. Ich bin es vielleicht zu einem großen Teil. Und ich arbeitete beständig daran, mich dem zu stellen. Und der Rest ist (oder wäre): Politik.

Also ihr Eltern-Leute: Werdet aktiv für eure Interessen! Lasst euer Privates politisch werden! Engagiert euch! Kämpft! Nur – oder eigentlich gerade – weil ihr jetzt Kinder habt, solltet ihr nicht biedermeiern. Ich versuche jedenfalls, das (nicht) zu tun. Zum Beispiel hier und hier.